Hanne hatte ein kleines Häuschen auf dem Mond. Sie fegte den Mondstaub vor der Tür. Klopfte den Fußabtreter aus. Sie kam mit einer kleinen Rakete freitags angeflogen und blieb übers Wochenende. Sie goß gerade die Geranien vor den Fenstern, als...
...als eine Frachtrakete angeflogen kam. Sie landete direkt neben Hannes Häuschen und entlud ein anderes Häuschen, das stand nun direkt neben Hannes Häuschen, wohl, damit es nicht so einsam war. Häuschen und Häuschen macht schon mal aus keinem Haus ein Haus. Hanne ging vor die Tür, besah den Schlimassel, streckte die Arme aus, hielt sie vor dem anderen Häuschen, als wollte sie so das Häuschen, das nicht anders war, als ihres, mit den Händen greifen und ein Stück zur Seite versetzen. Was aber mißlang, die Hände steckte sie dann in die Hüfte. Sie ging wieder rein. Nach dem Wochenende flog sie mit ihrer kleinen Rakete wieder weg. Am nächsten Freitag, zum Wochenende, kam sie wieder. Sie sah, daß ein Rollrasenteppich vor dem anderen Häuschen ausgelegt war, in den Fenstern hingen Blumenkästen, auch die hatten jetzt Geranien. Hanne verschwand in ihrem Häuschen, lüftete und tat dann das Wochenende über nichts weiter. Am Montag flog sie wieder heim.
Am nächsten Wochenende kam sie wieder, wieder freitags, sie sah jetzt Kinder, es waren wohl an die drei, vor dem anderen Häuschen spielen, ein Ball rollte, Hanne ging ins Häuschen, sie lüftete. Hanne verbrachte das Wochenende mit nichts, sie saß am Fenster in ihrem Sessel, ab und zu schaute sie heraus, beobachtete die Kinder vor dem anderen Häuschen, setzte sich wieder in ihren Papa-Bear-Sessel und schlug ihr Buch auf, blätterte ein paar Seiten vor, weil das Kapitel langweilig war und setzte beim neuen Kapitel mit dem Lesen wieder an. Am Montag flog sie wieder mit ihrer kleinen Rakete heim. Am nächsten Freitag kam sie wieder. Die Kinder spielten vor dem anderen Häuschen, jetzt waren es vier, eine Freundin war wohl zu Besuch. Hanne ging zu ihrer Tür, sie stoppte, auf dem Fußabtreter lag ein kleines, rosa Paket mit roter Schleife. Hanne nahm es auf, nahm es mit herein, kam kurze Zeit später wieder raus, sie hatte ihre Schürze an und den Besen in der Hand und fegte den Mondstaub vor ihrer Tür. Dann klopfte sie den Fußabtreter aus. Hanne verbrachte das Wochenende mit nichts, sie saß in ihrem Sessel am Fenster, las ihr Buch, blätterte wieder ein Kapitel vor, weil auch dieses langweilig war und setzte im nächsten Kapitel an. Die Kinder lachten, Hanne sah ab und zu aus dem Fenster und beobachtete sie. Irgendwann liefen sie ins Haus, es gab wohl Abendbrot. Auf Hannes Sesseltischchen lag das rosa Paket mit roter Schleife, sie besah es, dann öffnete sie es. Darin war ein Törtchen. Hanne holte eine Kuchengabel aus der Küche, setzte sich wieder in ihren Sessel und aß das Törtchen, langsam, weil es lecker war, und geschenkt, dadurch noch langsamerer, am Ende leckte sie die Kuchengabel ab. Dann nahm sie ihr Buch wieder zur Hand, suchte ihre Lesebrille, fand sie auf der Nase und blätterte einige Seiten vor, weil das Kapitel langweilig war und setzte an späterer Stelle wieder an. Es war ein dickes Buch, es war schwanger, und wie bei jeder Schwangerschaft, bei der man etwas zunahm, nahm das Buch auch ab, mit den noch restlichen Seiten, die sie übersprang, oder las.
Am Montag flog Hanne nicht mit ihrer kleinen Rakete heim, sie hatte Urlaub und blieb die ganze Woche. Hanne ging früh ins Bett, sie hatte ein Einzelbett, und es sah aus, wie das Zimmer von van Gogh. Sie hatte sogar ein Bild von dem Zimmer von van Gogh mit dem Einzelbett in ihrem Zimmer mit Einzelbett. Hanne schlief lange aus. Ein neuer Tag. Hanne goß die Geranien. Der Mond war rund, so schien es ihm lieber, sie frühstückte in der Stube, dann packte sie ihre Sonnenliege, stöhnte sie durch die Tür und stellte sie vor dem Haus auf. Sie stellte noch einen Hocker daneben, darauf ein Glas frischgepresster Orangensaft mit zwei Eiswürfel, irgendwo hatte sie noch einen Sonnenschirm, der war gelb und orange, wie der Orangensaft und dann ihre Zunge nach einem kräftigen Schluck, lag endlich und zupfte ihren Tankini zurecht. Das schwangere Buch hatte sie zur Hand, die Füße hoch, noch die letzten Seiten. Drei Seiten vor Schluß schlug sie das Buch wieder zu, so machte sie das immer, sie wollte nicht wissen, wie es ausgeht. Vor einer Geburt wollte man ja auch nicht wissen, wie es ausgeht. Das Buch legte sie auf den Hocker, dann machte sie die Augen zu. Sie wird sich ein neues besorgen. Hanne schlief den Mittag über, wachte dann auf, suchte ihre Lesebrille, fand sie in den Haaren vor. Irgendwann kam ein Mädchen aus dem anderen Haus, es ging auf Hanne zu. Hanne dann bemerkte erst, daß ein Junge, alt genug, zu stehen, neben ihrer Liege stand. Der hatte Augen. Groß, wie sie bei Kindern sind, die nichts oder alles sahen, und gerne standen. Das Mädchen holte den Jungen an der Hand und zog ihn zum Sandkasten vor dem anderen Haus, der neu errichtet war, ein Eimer, eine Schaufel, gelber Sand, mehr brauchte es nicht, jeden Streit zu schlichten, oder zu entfachen. Hanne klappte ihre Liege wieder zu, packte den Sonnenschirm, der paßte so nicht durch die Tür, er blieb davor, sie kam wieder aus dem Haus, holte Hocker, gebärtes Buch und Orangenglas, brachte alles rein, dann zog sie sich ihre Schürze um, noch im Tankini. Hanne ließ das Radio laufen, dann tüdelte sie rum.
Am Samstag kam eine gelbe Schulbusrakete und holte die Große ab, sie wurde eingeschult. Hanne sah noch Rock und Hose der Eltern und Rock und Hose der Großeltern, bis alle in die Schulbusrakete stiegen. Eins, zwei, drei Kinder, auch die Schultüte hatte die Form einer Rakete, war aber rot und weiß, und die Größe einer Kleinen. Hannes Urlaub war fast gänzlich rum. Hanne nahm sich vor, gelassen zu bleiben. Sie wollte nicht wissen, wie es ausgeht, wie bei einem schwangeren Buch, wie bei einer schwangeren Geburt, wie mit ihren neuen Nachbarn auf dem Mond.
Hanne hatte ein kleines Häuschen auf dem Mond. Hanne bestieg ihre Rakete am Montag und zischte los.
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