Eine
TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 1. Teil: Joseph
Joseph
machte Platte. Joseph, der eigentlich
Rüdiger hieß und aus Bottrop stammte und nun in Köln neben der Krippe des
Weihnachtsmarktes seine Flasche Weinbrand köpfte und seitdem Albaner den Heiligen Joseph aus der Krippe nahmen,
wohl um die hungernde Familie zuhause wenigstens mit dem Erlös dieser Spende zu
ernähren – und man sie am nahen Kölner
Hauptbahnhof höflich um die Rückgabe bat, vergeblich, sprach man doch nicht
deren Sprache, mit der man Bittedanke hätte ausdrücken können –, eben
dessen Rolle übernahm, der Einfachheit halber, weil sich auch nicht auf
Schnelle Ersatz aus Holz in dieser schnellebigen Weihnachtszeit herstellen
ließ, rückte etwas näher an dieses Licht der künstlichen Beleuchtung heran, das
nur Krippen und Modelleisenbahnbauten ausstrahlten, um auch etwas mehr
Anteilnahme für seinen Napf zu erlangen, in dem knisternd Münzen in beliebiger
Folge ihren Nennwert des Bedauerns über eine höhere Spende Ausdruck des
Mitgefühls verliehen, derweil die Gewissensnöte derer in maßloses Wahnkaufen
für die Liebsten überging, und für die liebste Eigenart des Nebeneinanders, die
Nächstenliebe, nur ein abschätziges
Naserümpfen blieb oder eben diese paar Kröten, von denen die Quaker nun so
meinten, die Welt der Tümpel sei nun ein wenig geretteter ungleich gerechter,
bei gläubigster Teilnahme an jeder Mitternachtsmesse zu Heiligabend – nur einmal, als Opa im Sterben lag,
unterbrach man mißmutig diese Tradition, hatte ihn vorher ins Städtische
Krankenhaus abgeschoben und gläubigst gehofft, sein Tod würde sich bis ins neue
Jahr ausdehnen, nach Heilige Drei Könige bitte, wenn laut Abfuhrkalender der
Tannenbaum letztspätestens entsorgt werden konnte, danke, aber sich wider
Erwarten doch schneller entsorgen wollte –, Pornosurfen und Sauberkeitspedanz,
idyllisch gelegen zwischen Eigenheim und Mittelstandsverwahrlosung, sah er doch
darin für sich die Möglichkeit, in diesem warmen Licht der Gefügigkeit, über
das nachzudenken, was Passanten, eilig oder nicht, nie dem Bettler auf der
Platte unterstellten: Über sie zu
urteilen. Was sie auf die Beine hielt.
Und für wie lange. Und rückte näher so noch an die
Krippe heran und war schon Teil derselben und gab mit seinen Schlücken aus der
Pulle und den Gerüchen aus der Platte dieser Stallgeschichte Leben. Und Mareike.
*
Im Napf der Wahrheiten,
angesehen, Wunschgeld
Eine
TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 2. Teil: Mareike
Und mit Mareike
nahm die Geschichte einen anderen Lauf an. Wandelte sich das Schlendern des
Marktes mit den Besorgungen, die für ein Jahr reichen mußten, zu einem
Verwischen, die Bestellungen der Daheimgebliebenen zu Zettelwünschen und die
Beschreibungen, die sie hierher führten, zu einem Verschweigen.
Brauchte Mareike
nur zu stehen. Hatte sich dazugestellt. Gemächliches Drängen als Platzanweiser.
Brauchte Mareike nicht aufzufallen.
Kam hierher an diesen Ort und war vielleicht schon da, bevor die ersten
eintrafen. Und Mareike war selbst nicht sicher, ob sie bleiben sollte.
Mareike
war kein Mensch. Nicht wie man sie sich vorstellte, wenn man sich ansah im
Vorübergehen. War Mareike zu schön,
als daß man sich traute, sie anzuschauen. In den Zwischenlücken. In denen sich
Münder mit den Glühweinschlücken schmückten und den Winkeln, die sich aus der
Nähe seiner Gegenübermöglichkeiten schickten, freundlich vertraut, trank man
mit denen die gleichen Getränke ein Leben lang, zumindest für die Dauer einer
Beziehung, und sich nur einen Gedanken Luft gönnte im Abseitsnicken, wenn das
Vertraute ein neues Nippen brauchte, um die verströmten Worte in den Tassen der
Verbindlichkeit einzuhauchen. Gab es Frauen, die so schön waren, daß man sich
nur in diesen Gelegenheiten zwischen den Schlücken in die Augenlücken traute,
seitlich, schnell, bevor man neue Glühweinworte hörte, und nur betrautes Sehen
glückte.
War Mareike
es gewohnt so schön zu sein, wie es nur wenige waren, daß es keinen Anlaß gab,
sie lange anzusehen. Und machte Mareike
sich noch schöner, bevor sie die Stadt betrat, und machte sie sich in ihrem
Badezimmer noch mehr Gedanken, wie sie noch mehr gefallen könnte, bevor sie den
Bus nahm, um auf dem Weg dahin gesehen zu werden, und lächelte sie sogar und
schaute selbst die Männer an, machte sie sich noch mehr Gedanken darum, warum
die sie nicht mit ihren bedachten, warum sie nicht gefiel.
Erzählte ihr Lauf eine traurige Geschichte. Und wäre
sie hier zu Ende, hier auf dem Weihnachtsmarkt, im Dazustellen, abseits
inmitten der Menge, umgeben von den Geschicken, die andere begleiteten, und
wäre der Schluß gedacht, sich aufzugeben, ob es sich lohnte auch bleiben zu
sollen, dann hätte Mareike nur stehen
bleiben wollen. Ungeachtet dessen, was sich nicht betrachten ließe, ungeachtet
dessen, was sie sich für ihre eigene Geschichte als Fortsetzung wünschte.
Rückte diese hier aber nun näher zu der Krippe und
nun so zu Joseph, oder Rüdiger, ohne sich zu verstellen oder
sich zu bewegen. Versetzte der Weihnachtsmarkt seine Mitte alleine dadurch, daß
er alles so verschob – die Buden, die
Glühweinmenschen, die Bienenwachsseelen, die Töpfereiwaren, die
Gaumenkitzleraugen, der Händler –, als stände er als Fahrkartenverkäufer
auf einem sich drehenden Kinderkarussell, hielt sich an den Stangen fest und
wechselte sich durch die Pferdchen, Feuerwehrautos, Propellerflugzeuge und
verteilte die Rundenkarten nun neu. Oder als griffe eine Hand von oben in das
Geschehen ein, der Markt seine Spielbauten, die Leute Figuren, bei denen es
sich nicht lohnte, alle einzeln zu versetzen – vielleicht war Faulheit der göttliche Gefallen, den Götter sich
selbst taten – und schob den Marktplatz so, daß Mareike nun Josephs
Anwesenheit roch, vor dem Zäunchen und der Weihnachtsgeschichte samt Esel, Heu
und Heiligenschein aus elektrischen Lämpchen im Stall.
Und Rüdiger
aus Bottrop gab mit seinen Schlücken
aus der Pulle und den Gerüchen aus der Platte dieser Stallgeschichte Leben. Und
Mareike. Und Mareike wurde angesehen.
„Haste mal ‘nen Euro?“
Mareike
drehte ihr Gesicht in seine Sicht, während sich ihre Hände ein Stück aus ihren
Manteltaschen zogen. Aber blieben noch dort. Wohl der Wärme und Rüdigers
Geruchs wohl wegen.
„Einen Euro für Deine Wünsche. Oder 50 Cent dafür,
wie sie verlorengingen.“
Aus dem Knistern des Napfes, der sein Licht von der
Krippe borgte, nahm Rüdiger mit fingerlosen Handschuhen einen Euro heraus und
steckte ihn in seine ausgebeulte Daunenjackentasche. Nicht die erste Kundin
heute. Der Napf blitzend leer nun und für alles Trauen offen.
Und während Mareike noch zögerte und während sie
sich noch umsah, ob jemand sie vielleicht doch beachtete, und während die
Krippe so schönes Licht auf Rüdiger
warf, hielt sie in Händen, ohne daß es ihr gewahr war, ihr Portemonnaie, das
Münzfach schon geöffnet, landete eine für die passende Wahl kreiselnd im Napf
der Wahrheiten. Und Mareike traute
sich.
„Für Dich
habe ich nur einen Rat übrig: Schaue dich nach einem neuen Leben um. Aber ich
beginne von vorne…“
Und Mareike.
Und Mareike konnte hoffen. Noch so
viel hoffen.
*
[Anmerkung: Dies ist eine ältere Geschichte. Ca. 2011 entstanden. Alle Namen sind frei erfunden.
Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind rein zufällig.]

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