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Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Montag, 4. August 2014

Plattenbauten in der Krippe, erhellte Sterne in den Fenstern




Eine TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 1. Teil: Joseph



Joseph machte Platte. Joseph, der eigentlich Rüdiger hieß und aus Bottrop stammte und nun in Köln neben der Krippe des Weihnachtsmarktes seine Flasche Weinbrand köpfte und seitdem Albaner den Heiligen Joseph aus der Krippe nahmen, wohl um die hungernde Familie zuhause wenigstens mit dem Erlös dieser Spende zu ernähren – und man sie am nahen Kölner Hauptbahnhof höflich um die Rückgabe bat, vergeblich, sprach man doch nicht deren Sprache, mit der man Bittedanke hätte ausdrücken können –, eben dessen Rolle übernahm, der Einfachheit halber, weil sich auch nicht auf Schnelle Ersatz aus Holz in dieser schnellebigen Weihnachtszeit herstellen ließ, rückte etwas näher an dieses Licht der künstlichen Beleuchtung heran, das nur Krippen und Modelleisenbahnbauten ausstrahlten, um auch etwas mehr Anteilnahme für seinen Napf zu erlangen, in dem knisternd Münzen in beliebiger Folge ihren Nennwert des Bedauerns über eine höhere Spende Ausdruck des Mitgefühls verliehen, derweil die Gewissensnöte derer in maßloses Wahnkaufen für die Liebsten überging, und für die liebste Eigenart des Nebeneinanders, die Nächstenliebe, nur ein abschätziges Naserümpfen blieb oder eben diese paar Kröten, von denen die Quaker nun so meinten, die Welt der Tümpel sei nun ein wenig geretteter ungleich gerechter, bei gläubigster Teilnahme an jeder Mitternachtsmesse zu Heiligabend – nur einmal, als Opa im Sterben lag, unterbrach man mißmutig diese Tradition, hatte ihn vorher ins Städtische Krankenhaus abgeschoben und gläubigst gehofft, sein Tod würde sich bis ins neue Jahr ausdehnen, nach Heilige Drei Könige bitte, wenn laut Abfuhrkalender der Tannenbaum letztspätestens entsorgt werden konnte, danke, aber sich wider Erwarten doch schneller entsorgen wollte –, Pornosurfen und Sauberkeitspedanz, idyllisch gelegen zwischen Eigenheim und Mittelstandsverwahrlosung, sah er doch darin für sich die Möglichkeit, in diesem warmen Licht der Gefügigkeit, über das nachzudenken, was Passanten, eilig oder nicht, nie dem Bettler auf der Platte unterstellten: Über sie zu urteilen. Was sie auf die Beine hielt.

Und für wie lange. Und rückte näher so noch an die Krippe heran und war schon Teil derselben und gab mit seinen Schlücken aus der Pulle und den Gerüchen aus der Platte dieser Stallgeschichte Leben. Und Mareike.



*




Im Napf der Wahrheiten, angesehen, Wunschgeld



Eine TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 2. Teil: Mareike



Und mit Mareike nahm die Geschichte einen anderen Lauf an. Wandelte sich das Schlendern des Marktes mit den Besorgungen, die für ein Jahr reichen mußten, zu einem Verwischen, die Bestellungen der Daheimgebliebenen zu Zettelwünschen und die Beschreibungen, die sie hierher führten, zu einem Verschweigen.

Brauchte Mareike nur zu stehen. Hatte sich dazugestellt. Gemächliches Drängen als Platzanweiser. Brauchte Mareike nicht aufzufallen. Kam hierher an diesen Ort und war vielleicht schon da, bevor die ersten eintrafen. Und Mareike war selbst nicht sicher, ob sie bleiben sollte.

Mareike war kein Mensch. Nicht wie man sie sich vorstellte, wenn man sich ansah im Vorübergehen. War Mareike zu schön, als daß man sich traute, sie anzuschauen. In den Zwischenlücken. In denen sich Münder mit den Glühweinschlücken schmückten und den Winkeln, die sich aus der Nähe seiner Gegenübermöglichkeiten schickten, freundlich vertraut, trank man mit denen die gleichen Getränke ein Leben lang, zumindest für die Dauer einer Beziehung, und sich nur einen Gedanken Luft gönnte im Abseitsnicken, wenn das Vertraute ein neues Nippen brauchte, um die verströmten Worte in den Tassen der Verbindlichkeit einzuhauchen. Gab es Frauen, die so schön waren, daß man sich nur in diesen Gelegenheiten zwischen den Schlücken in die Augenlücken traute, seitlich, schnell, bevor man neue Glühweinworte hörte, und nur betrautes Sehen glückte.

War Mareike es gewohnt so schön zu sein, wie es nur wenige waren, daß es keinen Anlaß gab, sie lange anzusehen. Und machte Mareike sich noch schöner, bevor sie die Stadt betrat, und machte sie sich in ihrem Badezimmer noch mehr Gedanken, wie sie noch mehr gefallen könnte, bevor sie den Bus nahm, um auf dem Weg dahin gesehen zu werden, und lächelte sie sogar und schaute selbst die Männer an, machte sie sich noch mehr Gedanken darum, warum die sie nicht mit ihren bedachten, warum sie nicht gefiel.

Erzählte ihr Lauf eine traurige Geschichte. Und wäre sie hier zu Ende, hier auf dem Weihnachtsmarkt, im Dazustellen, abseits inmitten der Menge, umgeben von den Geschicken, die andere begleiteten, und wäre der Schluß gedacht, sich aufzugeben, ob es sich lohnte auch bleiben zu sollen, dann hätte Mareike nur stehen bleiben wollen. Ungeachtet dessen, was sich nicht betrachten ließe, ungeachtet dessen, was sie sich für ihre eigene Geschichte als Fortsetzung wünschte.

Rückte diese hier aber nun näher zu der Krippe und nun so zu Joseph, oder Rüdiger, ohne sich zu verstellen oder sich zu bewegen. Versetzte der Weihnachtsmarkt seine Mitte alleine dadurch, daß er alles so verschob – die Buden, die Glühweinmenschen, die Bienenwachsseelen, die Töpfereiwaren, die Gaumenkitzleraugen, der Händler –, als stände er als Fahrkartenverkäufer auf einem sich drehenden Kinderkarussell, hielt sich an den Stangen fest und wechselte sich durch die Pferdchen, Feuerwehrautos, Propellerflugzeuge und verteilte die Rundenkarten nun neu. Oder als griffe eine Hand von oben in das Geschehen ein, der Markt seine Spielbauten, die Leute Figuren, bei denen es sich nicht lohnte, alle einzeln zu versetzen – vielleicht war Faulheit der göttliche Gefallen, den Götter sich selbst taten – und schob den Marktplatz so, daß Mareike nun Josephs Anwesenheit roch, vor dem Zäunchen und der Weihnachtsgeschichte samt Esel, Heu und Heiligenschein aus elektrischen Lämpchen im Stall.

Und Rüdiger aus Bottrop gab mit seinen Schlücken aus der Pulle und den Gerüchen aus der Platte dieser Stallgeschichte Leben. Und Mareike. Und Mareike wurde angesehen.

„Haste mal ‘nen Euro?“

Mareike drehte ihr Gesicht in seine Sicht, während sich ihre Hände ein Stück aus ihren Manteltaschen zogen. Aber blieben noch dort. Wohl der Wärme und Rüdigers Geruchs wohl wegen.

„Einen Euro für Deine Wünsche. Oder 50 Cent dafür, wie sie verlorengingen.“

Aus dem Knistern des Napfes, der sein Licht von der Krippe borgte, nahm Rüdiger mit fingerlosen Handschuhen einen Euro heraus und steckte ihn in seine ausgebeulte Daunenjackentasche. Nicht die erste Kundin heute. Der Napf blitzend leer nun und für alles Trauen offen. 

Und während Mareike noch zögerte und während sie sich noch umsah, ob jemand sie vielleicht doch beachtete, und während die Krippe so schönes Licht auf Rüdiger warf, hielt sie in Händen, ohne daß es ihr gewahr war, ihr Portemonnaie, das Münzfach schon geöffnet, landete eine für die passende Wahl kreiselnd im Napf der Wahrheiten. Und Mareike traute sich.

 „Für Dich habe ich nur einen Rat übrig: Schaue dich nach einem neuen Leben um. Aber ich beginne von vorne…“


Und Mareike. Und Mareike konnte hoffen. Noch so viel hoffen.






*





[Anmerkung: Dies ist eine ältere Geschichte. Ca. 2011 entstanden. Alle Namen sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind rein zufällig.]



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