Er gab seine Autogramme, er nickte, er lächelte, im
Hintergrund hielt sein Agent mit einem Chlorsteinzähnegrinsen beide Daumen hoch
und zählte die Scheine. Seine zuerst.
Eine etwas fahrige Verehrerin hielt den Verkehr auf.
Sie nestelte an ihrer spitzäugigen Brille, die fiel herunter von zu schmaler
Nase, suchte sie unten bei den Beinen und so sammelte sich eine Traube. Andere
reichten ihre Hände über deren Kopf, winkten mit der Neuerscheinung und Stift,
die ihr Leben verändern sollte, wenigstens für den Augenblick des Lesens,
hielten sie doch das Geschriebene für ihres, da sie es lasen und hatten eigen
Erlebtes nur aus seinen Worten. Sie würde niemals jemand zum Diktat bitten.
Hatten sie nichts zu erzählen, außer Gelesenes, Kulturpagenhaarschnitte,
schmale Brillensehnsüchte und rote, viel zu roten Lippenstift auf zu wenig
Unterlage, dünnen Lippen, die niemand küssen wollte, der bei Verstand war, oder
Autor war.
Dem Autor war es egal. Er zeichnete ihre Träume
gegen und lebte ansonsten sein 2,4er-Abiturleben mit Blick auf Abrundung.
Die schmalzüngige Brillenschlange – hastig rückte sie ihr Brillengestell zurecht
– mit der Fistelstimme kam aus der Beuge, stand gerade, wurde aber sodann
von der Frauentraube gen Autorentisch gedrückt, lag sie nun da, rücklings, als
weitere Gabe, die gegengezeichnet werden sollte. Sie Hach…-te, flatterte mit ihren Notstandsgesetzenwimpern und uh…-te und ah…-te ob ihrer hinzugewonnenen Lage als Auslage auf dem Tisch
eines Autorengehabes, der nur seine Scheine, die sein Agent ihm ließ, gleich
hinter der Bühne selber lieber noch mal nachzählen wollte, mit ehrlichem
Lächeln eines Argwohns, der allen Autoren zu eigen, und zuwider war.
Und wollte gerade den Pergamentarm der Dame
signieren, da sie ihn hinhielt, als wolle sie ihn berühren und sie sich von ihm
beschreiben lassen – so nah, so da, der
Autor ihrer feuchten, tränenfeuchten Träume –, da öffnete sie die Zeilenlippen
und wollte schon küssen, da steckte er ihr den Stift für die Autogramme in den
Mund. Dumpf. Was sie – sie mußte sich erinnern – an ihr Leben
ohne Bücher erinnerte. Kaute sie doch auf Stiften ihr ganzes Leben herum,
wahrscheinlich, um sich das Essen abzugewöhnen, nahm sie zu nur mit Worten, doch
fragte den Autor dann, wie es komme, daß er es schaffe, mit seinen Zeilen so
viele Gefüüühle zu erzeugen: „Wie
schaffen sie daf, hach…“ Klimperwimper.
Der Autor überlegte nicht lange – Gefühle waren ihm zuwider, waren etwas für
Menschen –, die Scheine aus den Börsen der Damen schon in der Sakkotasche,
und begann, sehr ernst und wichtig:
„Nun, es
gibt Menschen.
Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Es ist das,
was Du jeden Tag siehst. Es ist banal. Um Dich herum entstehen sie, blühen auf
und verwelken. Und es gibt Leben. Vielfältiges ist darunter und Eintöniges,
Erstaunliches und Gewohntes. Um Dich herum steht es auf, bewegt sich und kommt
zum Erliegen.
Nun, es gibt Ansichten. Das ist an sich nichts
Erbauliches. Es ist das, was Du jeden Tag siehst. Um Dich herum schauen sie
auf, vertreten ihre Sichten und ändern die Blicke. Es ist banal. Und es gibt
Einblicke. Abwechslungsreiches ist darunter und Einförmiges, Merkwürdiges und Geläufiges.
Um Dich herum bringen sie Dich zum Einhalten, zum Nachdenken und zum Steuern.
Es gibt noch Vieles mehr, das Du selbst beschreiben könntest.
Und dann gibt es Dinge.
Dinge, die sich in Dir einnisten. Um Dich herum entstehen sie, blühen auf und vergehen
nicht mehr. Es ist nicht banal. Du weigerst Dich, es zuzulassen. Du sträubst
Dich, doch kannst Dich dem nicht entsagen. Du haßt es, daß es geschieht. Doch Du kannst nicht davon ablassen. Du
willst, daß es nicht geschieht.
Doch dann siehst Du wieder hin. Du wartest darauf, wenn
es erfolgt. Du willst, daß es passiert. Dein Denken hat sich darauf eingetuned.
Da ist etwas, das hat sich eingenistet.
Dein ganzes Verhalten hat sich danach ausgerichtet.
Ja, Du hast Deinen Alltag und Du versiehst Deine Pflichten, ohne über das Einnisten nachzudenken. Doch wenn Du
wieder in ein Milieu absteigst, in dem Du Dich bewegst, zuhause und auch sonst
so, ist es wieder da. Dein Verhalten verläßt die übliche Routine.
Aber Du wehrst Dich.
Sagt Dir das Einnisten,
Du sollst links gehen, dann gehst Du rechts. Sagt Dir Dein Einnisten, Du sollst springen, dann gehst Du in die Hocke. Sagt Dir
das Einnisten, Du sollst sprechen,
dann schweigst Du. Merkst Du etwas?
Du richtest Dich schon nach dem, was das Einnisten Dir sagt.
Das ist gewollt.
Von mir.
Und mit ‚Du‘
bin nicht ich gemeint.
Und ich muß nicht mal viel machen.
Nur meine banalen Geschichten erzählen.“
Hach…
und uh… und ah… von den Damen. Alle strahlten und vergaßen, daß sie Erwachsene
waren.
„Das ist so wie wenn jemand zu Besuch kommt, seinen
Einkauf in den fremden Kühlschrank einräumt, vergißt, ihn beim Gehen wieder
mitzunehmen und die Kühlschrankbesitzerin sich darüber ärgert, weil sich etwas
Fremdes in etwas Bekanntes eingenistet hat. Aber sich freut, daß etwas vorhanden
ist, was die Leere voller machen läßt. Auch wenn sie nicht an die fremden Dinge
rangehen darf. Hat sich halt eingenistet.
Kann aber nicht ran. Kriegt es nicht raus. Das nennt man die adsume Symbiont-Wirt-Dysfunktion.“
Und aufgrund dieser nahm er der spitzäugigen Dame
mit dem Brillengestell aus Schlangenhautimitat nun seinen Signierstift wieder
weg, sie hielt mit den Lippen fest, was nicht ihr gehörte, Plopp, wischte ihn mit einem gemusterten Taschentuche trocken und
zeichnete empathisch, aber gefühllos weitere Bücherleben krakelig gegen.
Ah…
und uh… und hach…
*
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen