"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Donnerstag, 24. Juli 2014

Das beste Essen


(schmeckt dem Hunger nicht, wenn kein Mund da ist, der es ißt)



„Wer sein Leben wegwirft, der hat nichts mehr, womit er schmeißen kann.“, leckte er mit der Zunge über die vollen Zahnreihen und panierte damit sein bestes Fischstäbchenlächeln. Der Trawler im Wanken. Nord-Nord-West. Südlich der Pribilof Islands. Irgendwo im Beringmeer. Klapperten die aufgehangenen Pfannen an Haken gegeneinander. „Hier, fang!“ Der Smutje am Kochen. Bester Laune. Bei hohem Wellengang.

Ich fing. Verfehlte aber die Richtung und der Teller zerplatzte zu Tausend Seufzern auf dem Kombüsenboden.  Währenddessen suchte ich mit den anderen Händen Halt am Türrahmen. Woher andere Hände nehmen? Ich hatte nur zwei dabei. Verlor das Gleichgewicht, fiel vornüber und lag nun bei den Scherben.

„Ha. Ha. Ha.“

Ich kämpfte mich entlang der Reling zum Vorderdeck. Gischt und Gezeter. War dieses Boot eindeutig zu klein für diese Wogen. Wir würden diesen Sturm nicht überleben.

„Ach. Was!“ Der Smutje lachte und kochte und kramte und stemmte sich gegen die Schräge und warf Saiblinge in die siedend heiße Pfanne und hackte Zwiebeln und Karotten und Paprika und das alles gleichzeitig und machte und lachte noch lauter.

„Heute stirbt hier keiner!“ Er grinste. „Heute gibt es das beste Essen, das ich je gekocht habe! Du wirst sehen. Wenn ich sage ‚Laß es Dir schmecken!‘, wirst Du Dich als erster an den Tisch setzen.“, war er sich sicher, während die Kartoffeln in ihrem eigenen Sturm wie das Boot im Meer im Topf voll Wasser blubberten. „Und wirst fragen: Gibt es noch mehr?

Ich klammerte mich an die Krabbenreuse. Die Kette löste sich vom Kran und schleuderte gegen den Mastaufbau. Gefährlich nahe schlug sie zurück und verfehlte mich nur knapp. Dann bekam ich sie zu fassen. Da ging der erste über Bord. Zwei andere, die nachschauten, und ihren eigenen Tod nicht fassen konnten, erschlug der Korb.

„Heute stirbt hier keiner!“ Da war sich der Smutje ganz, ganz sicher. „Heute werden sich alle die Finger ablecken wegen meinem Essen!“ Er warf die Teller auf den Tisch. Im Tosen. Im Wanken. Die Gabeln und die Messer klirrten sich dazu. „Mein bestes Essen!“

Der letzte Mann, bevor ich dran war, verfing sich in einer Leine. Sie zog ihn hoch, dann in die Tiefe. Wie ein Pendel schwang er gegen den Rumpf.

Ich stand nun vorn am Bug. Sah die Welle. Auf nüchternem Magen rollte sie sich in Rage. Ich machte mir Mut. Sie wird nicht alles von mir fressen. Die Reste für die Fische. Wollte mich schon ins Wasser werfen. Selber dagegen. Aus Trotz. Weil ich es eben dann selbst entscheiden wollte. Dann begriff ich des Smutjes ersten Worte – niemand mehr aß heute sein bestes Essen, fein gedeckt lockte es auf dem Tisch, auch er nicht, weil ein Wassertentakel die Bullaugen der Kombüse durchschlagen und ihn weiter lachend ins Meer hinaus gerissen hatte.

Griff ich nach allem, was ich zu fassen kriegen konnte. Taue. Stangen. Alles.

Die Welle nun über mir.


Und schmiß.





*


Mittwoch, 23. Juli 2014

Àstrid


Zwei Tänze später lasse ich mich auf die Bank im Crunch fallen. Meine Freundinnen lachen ihr Scheckheftlachen. Woa. Ha. Ha. Zuppeln an ihren Mojitos. Strohhalmlachen. Zuppeln. Puh. Painkiller ist nicht so meine Sache.

Elektro-Smog. Aufreißerschemen. Verschwinden wieder im Nebel der Tanzfläche, wie die Toten aus The Fog. Schwierig wird’s, wenn sie wieder kommen.

Nippe nur, um ein Gefühl im Mund zu haben. Bleibe unbeteiligt. Das Jucken geht nicht weg. Kratze. Die Zuschauer im Club sind mir egal. Sehe eh keine ihrer Augen. Der Dunst. Mein rechter Fuß bringt mich um den Verstand.

Die Toten kommen wieder. Entkleiden sich aus dem Nebel der Beats und wollen jetzt meine Gesellschaft tragen. Wünsche mir ein nacktes Kleid herbei. Ich lache zur Begrüßung auf. Lache nur, weil es sich in Gesellschaft so gehört und nach Ehrlichkeit anfühlt. Versuche den Sprechblasen der Freundinnen zu folgen. Die laute Musik legt sich drüber.

Mein Fuß juckt. Was mich wahnsinnig macht. An dieser Stelle: Mein Tattoo, was so aussieht wie ein Gecko. Reibe. Reibe fester. Bis sich die erste Haut ablöst.

Fadenscheiniges von meinen Freundinnen. Sprechspiralen ersetzen die Blasen. Folge nicht mehr. Nicke nur in meine Gegenüber. Sind meine Freundinnen. Kratze weiter. Fühle Nässe. Blut.

Dann fühle ich einen Knubbel. Dann noch einen. Und wie von beseelter Hand zum Leben gestreichelt, erwacht der Gecko in dem Geschrei des Crunch zu Gemecker. Bleibt erst an selber Stelle auf meinem Fuß sitzen, dann schon wacher, klettert er an meinem Bein, über meine Hüfte, Schulter weiter zum Arm auf meine Hand. Halte ihn nun zwischen den Fingern.

„Hey, schaut.“, ringe ich um die Aufmerksamkeit meiner Freundinnen, deren Sprechspiralen sich in Knäul verheddern. Keine hört mir zu.

Und wie durch eine Eingebung entlasse ich ihn aus meinen Fingern. Von den anderen ungesehen. Lächle.

„Verschwinde.“

Und schicke ihm einen Satz hinterher, der im Sprachnebel des Crunch verloren geht:


„Wer kleiner ist, hat mehr Platz unterm Himmel.“







*





Àstrids Gecko: