"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Dienstag, 5. August 2014

Kind der Düfte


Eine TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 3. Teil: Karin


Vielleicht stünde es jedem gut zu Gesicht so zu sein, wie er sich selbst wünscht. Und vielleicht wären Augen nicht vonnöten. Und vielleicht vertraute man so auf sich, daß man nicht mehr in den Spiegel blickte, um sich zu vergewissern, wie man wünschte, angesehen zu werden. Und vielleicht.

War Rüdiger sich selbst nicht sicher, welche Münze er so wortlos in seine Antworten steckte. Erzählte er Mareike bloß das, was seinen Magen füllte. Und vielleicht war es auch so gleich, was er ihr enthüllte, solange er sie nur ansah in ihrem Begehren, sich mitzuteilen, obwohl sie nie Worte dafür fand und diese, statt, einkleidete in die kalte Luft der Winterweihnacht, was für sie hieß, sich zu verkleiden in der Gefälligkeit, wunderschön zu sein für andere, auch wenn sie sich damit keinen tat.

War Rüdiger für sie die Stimme, lallend leicht von zu vielen Schlücken aus der Pulle, die dazu nötig war aus dem Grundrauschen der überlagerten Gedanken, den einen klaren herauszufiltern, den Mareike vor dem Spiegel im Badezimmer nicht hören konnte, wenn sie dort in sich hineinhorchte. Und vielleicht war der Geruch vonnöten, sich vor den Stall zu stellen, den Rüdiger mit seinem Straßenleben einsammelte und vielleicht hätte er davon erzählen können, wie sie dazu kamen, sich anzuhaften. War Rüdiger der Sammler der Düfte, aus denen sich ein Teil anrüchig verteilte und der andere mit den naseschmeichelnden mischte und es den Mareikes dieser Welt überließ, den für ihren Flakon geeigneten zu wählen. Streifte Rüdiger versteckt in seinem Schatten, der ihn vor den Urteilen bewahrte, entlang der Ladenfluchten durch die Fußgängerzonen der Menschen, die ihre nicht mit ihm teilten, verströmte er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er sich zum Schlafen enger an die Nische schmiegte nahe eines Geldautomaten, wenn auch er träumte und er beim Träumen urinierte und es sich nicht lohnte, die Liege aus Karton zu verlassen und das Träumen. Und streifte Rüdiger entlang der Felder, wenn der Mais hoch stand und nahm sich das, was seinem Magen gehörte, verströmte er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er sich zum Kauen enger in die Nische schmiegte, die man ihm ließ, damit auch er noch zum Träumen kam und kaute noch im Schlafen darauf rum, als sich die Maiskörner schon längst verdauten. Und streifte er durch die Supermärkte und nahm er die Gerüche auf, die andere verströmten, und griff er nach der Weinbrandflasche, nach dem Tabak und den Blättchen und ließ man ihn am Kassenband vor, weil er alle Düfte einsammelte, die ein Straßenleben teilte, und die Kassiererin nur widerwillig seine Münzen zählte, weil auch sie wegen dem Leben auf der Straße klebten, mied er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er sich auf der Parkbank enger an seine Schlücke schmiegte, damit auch er noch zum Träumen kam, aber seine Abwesenheit in diesem einen Glucken erkannte, daß auch er das Träumen nicht befehlen konnte. Und verströmte er Liebe mit der Anwesenheit, die er mit Karin teilte, und schmiegte er sich enger an sie in den Schlafsack, den sie teilten, und machten diese an der Wand, die ihnen blieb, entlang des Flures einer U-Bahnstation, gab es niemanden, der ihre Träume teilte, aber schenkten Rüdiger und Karin dem Schmutz ihre Reinheit, die sich unter all den Gerüchen verbarg, und küßten alle Träume zu Leben. Und streiften beide durch die Schatten der Menschen und hielten sich von Lichtern dazwischen fern und verströmten sie sich, mit den leeren Ansichten, die man ihnen ließ, weil auch sie lebten, schmiegten sie sich enger in die Nische des Eingangs eines Kaufhauses und trug Karin das Kind aus, das aus den Träumen entstand, und verströmte der Junge seine Anwesenheit mit dem Geruch, den nur Neugeborene ihr eigen nannten als Mitgift für das Versprechen, eigene anzunehmen, wenn die Zeit für eigenes Träumen reif war, schmiegte er sich enger an die Brust seiner Mutter, und Rüdiger nahm auch diesen Duft auf.

Und in der Zeit, die beiden blieb, sich zu verabschieden und in den Sorgen, die sich mit den Schlücken aus der Pulle mischten und mit den Anhaftungen, die sie teilten, als sie den Jungen zu Grabe trugen in einer Mülltonne und sich Karin und Rüdiger für immer aus den Augen verloren, schmiegten sie sich enger an die Straßen, die ihre Namen kannten, aber Rüdigers und Karins nie und träumten vielleicht für einen, als sie auseinanderliefen.

Erzählte ihr Lauf eine traurige Geschichte. Und wäre sie hier zu Ende, hier auf dem Weihnachtsmarkt, im Dazustellen, abseits inmitten der Menge, umgeben von den Geschicken, die andere begleiteten, und wäre der Schluß gedacht, sich aufzugeben, ob es sich lohnte auch bleiben zu sollen, dann hätte Rüdiger nur sitzen bleiben wollen. Ungeachtet dessen, was sich nicht betrachten ließe, ungeachtet dessen, was er sich für seine eigene Geschichte als Fortsetzung wünschte.

Schmiegte diese hier aber sich nun näher zu der Krippe und nun so zu Rüdiger, oder Joseph, ohne sich zu verstellen oder sich zu bewegen. Verströmte den Geruch, den alle Stallgeschichten brauchten, um sich mit den Anhaftungen einer Reise zu mischen. Und zwischen den Schlücken der Pulle aus der Platte kreiselte eine Münze im Napf der Wahrheiten. Und Mareike. Mareike konnte zum ersten Mal im Leben hören. War sie kein Mensch. Keiner dieser, die man im Vorübergehen ansah, um sich an deren Leben zu heften. War sie zu schön, um Gefallen zu finden. War sie das Grundrauschen, aus dem sich kein klarer Gedanke fassen konnte, wollte man in sich hineinhorchen. War sie gehörlos seit ihrer Geburt und wahrscheinlich deshalb so schön, um sich so Gehör in den Augen zu verschaffen. Die sich aber nie trauten, sie anzusehen. Nicht gleich. Aber dann anzusprechen. Viele Male, wenn sie den Bus in die Stadt nahm, um gesehen zu werden oder auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, aber selbst nicht hören konnte, woher diese Stimme kam. Und vielleicht war es die Stimme ihrer Träume. Und vielleicht war es auch ein Mann. Der sich erst traute, als er aus ihrem Blick verschwand. Weil sie zu schön war, als daß er sich traute, seinen Blick in ihren zu schicken, als sie beide gleiche Wege nutzten, um sich dazuzustellen. Und vielleicht gab er das Träumen auf, weil Mareike auf sein Hallo nicht antwortete, wenn er neben ihr im Bus saß, im Supermarkt hinter ihr an der Kasse, auf dem Weihnachtsmarkt und sie nur deshalb ansprach, weil er sie kannte, weil man sich schon kannte, wenn man sich mehr als nur einmal sah.

Und das erste Geräusch im Leben, das Mareike hörte, war das Kreiseln einer Münze. Und vielleicht brauchte es das Wunder der Wahl der Platte eines Bettlers, der sich näher an die Krippe schmiegte und die dadurch seinen Geruch annahm. Vielleicht brauchte es nicht mehr.


Und Mareike. Und Mareike konnte hoffen. Noch so viel hoffen.





*





[Anmerkung: Dies ist eine ältere Geschichte. Ca. 2011 entstanden. Alle Namen sind frei erfunden.]




Montag, 4. August 2014

Plattenbauten in der Krippe, erhellte Sterne in den Fenstern




Eine TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 1. Teil: Joseph



Joseph machte Platte. Joseph, der eigentlich Rüdiger hieß und aus Bottrop stammte und nun in Köln neben der Krippe des Weihnachtsmarktes seine Flasche Weinbrand köpfte und seitdem Albaner den Heiligen Joseph aus der Krippe nahmen, wohl um die hungernde Familie zuhause wenigstens mit dem Erlös dieser Spende zu ernähren – und man sie am nahen Kölner Hauptbahnhof höflich um die Rückgabe bat, vergeblich, sprach man doch nicht deren Sprache, mit der man Bittedanke hätte ausdrücken können –, eben dessen Rolle übernahm, der Einfachheit halber, weil sich auch nicht auf Schnelle Ersatz aus Holz in dieser schnellebigen Weihnachtszeit herstellen ließ, rückte etwas näher an dieses Licht der künstlichen Beleuchtung heran, das nur Krippen und Modelleisenbahnbauten ausstrahlten, um auch etwas mehr Anteilnahme für seinen Napf zu erlangen, in dem knisternd Münzen in beliebiger Folge ihren Nennwert des Bedauerns über eine höhere Spende Ausdruck des Mitgefühls verliehen, derweil die Gewissensnöte derer in maßloses Wahnkaufen für die Liebsten überging, und für die liebste Eigenart des Nebeneinanders, die Nächstenliebe, nur ein abschätziges Naserümpfen blieb oder eben diese paar Kröten, von denen die Quaker nun so meinten, die Welt der Tümpel sei nun ein wenig geretteter ungleich gerechter, bei gläubigster Teilnahme an jeder Mitternachtsmesse zu Heiligabend – nur einmal, als Opa im Sterben lag, unterbrach man mißmutig diese Tradition, hatte ihn vorher ins Städtische Krankenhaus abgeschoben und gläubigst gehofft, sein Tod würde sich bis ins neue Jahr ausdehnen, nach Heilige Drei Könige bitte, wenn laut Abfuhrkalender der Tannenbaum letztspätestens entsorgt werden konnte, danke, aber sich wider Erwarten doch schneller entsorgen wollte –, Pornosurfen und Sauberkeitspedanz, idyllisch gelegen zwischen Eigenheim und Mittelstandsverwahrlosung, sah er doch darin für sich die Möglichkeit, in diesem warmen Licht der Gefügigkeit, über das nachzudenken, was Passanten, eilig oder nicht, nie dem Bettler auf der Platte unterstellten: Über sie zu urteilen. Was sie auf die Beine hielt.

Und für wie lange. Und rückte näher so noch an die Krippe heran und war schon Teil derselben und gab mit seinen Schlücken aus der Pulle und den Gerüchen aus der Platte dieser Stallgeschichte Leben. Und Mareike.



*




Im Napf der Wahrheiten, angesehen, Wunschgeld



Eine TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 2. Teil: Mareike



Und mit Mareike nahm die Geschichte einen anderen Lauf an. Wandelte sich das Schlendern des Marktes mit den Besorgungen, die für ein Jahr reichen mußten, zu einem Verwischen, die Bestellungen der Daheimgebliebenen zu Zettelwünschen und die Beschreibungen, die sie hierher führten, zu einem Verschweigen.

Brauchte Mareike nur zu stehen. Hatte sich dazugestellt. Gemächliches Drängen als Platzanweiser. Brauchte Mareike nicht aufzufallen. Kam hierher an diesen Ort und war vielleicht schon da, bevor die ersten eintrafen. Und Mareike war selbst nicht sicher, ob sie bleiben sollte.

Mareike war kein Mensch. Nicht wie man sie sich vorstellte, wenn man sich ansah im Vorübergehen. War Mareike zu schön, als daß man sich traute, sie anzuschauen. In den Zwischenlücken. In denen sich Münder mit den Glühweinschlücken schmückten und den Winkeln, die sich aus der Nähe seiner Gegenübermöglichkeiten schickten, freundlich vertraut, trank man mit denen die gleichen Getränke ein Leben lang, zumindest für die Dauer einer Beziehung, und sich nur einen Gedanken Luft gönnte im Abseitsnicken, wenn das Vertraute ein neues Nippen brauchte, um die verströmten Worte in den Tassen der Verbindlichkeit einzuhauchen. Gab es Frauen, die so schön waren, daß man sich nur in diesen Gelegenheiten zwischen den Schlücken in die Augenlücken traute, seitlich, schnell, bevor man neue Glühweinworte hörte, und nur betrautes Sehen glückte.

War Mareike es gewohnt so schön zu sein, wie es nur wenige waren, daß es keinen Anlaß gab, sie lange anzusehen. Und machte Mareike sich noch schöner, bevor sie die Stadt betrat, und machte sie sich in ihrem Badezimmer noch mehr Gedanken, wie sie noch mehr gefallen könnte, bevor sie den Bus nahm, um auf dem Weg dahin gesehen zu werden, und lächelte sie sogar und schaute selbst die Männer an, machte sie sich noch mehr Gedanken darum, warum die sie nicht mit ihren bedachten, warum sie nicht gefiel.

Erzählte ihr Lauf eine traurige Geschichte. Und wäre sie hier zu Ende, hier auf dem Weihnachtsmarkt, im Dazustellen, abseits inmitten der Menge, umgeben von den Geschicken, die andere begleiteten, und wäre der Schluß gedacht, sich aufzugeben, ob es sich lohnte auch bleiben zu sollen, dann hätte Mareike nur stehen bleiben wollen. Ungeachtet dessen, was sich nicht betrachten ließe, ungeachtet dessen, was sie sich für ihre eigene Geschichte als Fortsetzung wünschte.

Rückte diese hier aber nun näher zu der Krippe und nun so zu Joseph, oder Rüdiger, ohne sich zu verstellen oder sich zu bewegen. Versetzte der Weihnachtsmarkt seine Mitte alleine dadurch, daß er alles so verschob – die Buden, die Glühweinmenschen, die Bienenwachsseelen, die Töpfereiwaren, die Gaumenkitzleraugen, der Händler –, als stände er als Fahrkartenverkäufer auf einem sich drehenden Kinderkarussell, hielt sich an den Stangen fest und wechselte sich durch die Pferdchen, Feuerwehrautos, Propellerflugzeuge und verteilte die Rundenkarten nun neu. Oder als griffe eine Hand von oben in das Geschehen ein, der Markt seine Spielbauten, die Leute Figuren, bei denen es sich nicht lohnte, alle einzeln zu versetzen – vielleicht war Faulheit der göttliche Gefallen, den Götter sich selbst taten – und schob den Marktplatz so, daß Mareike nun Josephs Anwesenheit roch, vor dem Zäunchen und der Weihnachtsgeschichte samt Esel, Heu und Heiligenschein aus elektrischen Lämpchen im Stall.

Und Rüdiger aus Bottrop gab mit seinen Schlücken aus der Pulle und den Gerüchen aus der Platte dieser Stallgeschichte Leben. Und Mareike. Und Mareike wurde angesehen.

„Haste mal ‘nen Euro?“

Mareike drehte ihr Gesicht in seine Sicht, während sich ihre Hände ein Stück aus ihren Manteltaschen zogen. Aber blieben noch dort. Wohl der Wärme und Rüdigers Geruchs wohl wegen.

„Einen Euro für Deine Wünsche. Oder 50 Cent dafür, wie sie verlorengingen.“

Aus dem Knistern des Napfes, der sein Licht von der Krippe borgte, nahm Rüdiger mit fingerlosen Handschuhen einen Euro heraus und steckte ihn in seine ausgebeulte Daunenjackentasche. Nicht die erste Kundin heute. Der Napf blitzend leer nun und für alles Trauen offen. 

Und während Mareike noch zögerte und während sie sich noch umsah, ob jemand sie vielleicht doch beachtete, und während die Krippe so schönes Licht auf Rüdiger warf, hielt sie in Händen, ohne daß es ihr gewahr war, ihr Portemonnaie, das Münzfach schon geöffnet, landete eine für die passende Wahl kreiselnd im Napf der Wahrheiten. Und Mareike traute sich.

 „Für Dich habe ich nur einen Rat übrig: Schaue dich nach einem neuen Leben um. Aber ich beginne von vorne…“


Und Mareike. Und Mareike konnte hoffen. Noch so viel hoffen.






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[Anmerkung: Dies ist eine ältere Geschichte. Ca. 2011 entstanden. Alle Namen sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind rein zufällig.]