Eine
TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 3. Teil: Karin
Vielleicht stünde es jedem gut zu Gesicht so zu
sein, wie er sich selbst wünscht. Und vielleicht wären Augen nicht vonnöten.
Und vielleicht vertraute man so auf sich, daß man nicht mehr in den Spiegel
blickte, um sich zu vergewissern, wie man wünschte, angesehen zu werden. Und vielleicht.
War Rüdiger
sich selbst nicht sicher, welche Münze er so wortlos in seine Antworten
steckte. Erzählte er Mareike bloß
das, was seinen Magen füllte. Und vielleicht war es auch so gleich, was er ihr
enthüllte, solange er sie nur ansah in ihrem Begehren, sich mitzuteilen, obwohl
sie nie Worte dafür fand und diese, statt, einkleidete in die kalte Luft der
Winterweihnacht, was für sie hieß, sich zu verkleiden in der Gefälligkeit,
wunderschön zu sein für andere, auch wenn sie sich damit keinen tat.
War Rüdiger
für sie die Stimme, lallend leicht von zu vielen Schlücken aus der Pulle, die
dazu nötig war aus dem Grundrauschen der überlagerten Gedanken, den einen
klaren herauszufiltern, den Mareike
vor dem Spiegel im Badezimmer nicht hören konnte, wenn sie dort in sich
hineinhorchte. Und vielleicht war der Geruch
vonnöten, sich vor den Stall zu stellen, den Rüdiger mit seinem Straßenleben einsammelte und vielleicht hätte er
davon erzählen können, wie sie dazu kamen, sich anzuhaften. War Rüdiger der Sammler der Düfte, aus denen sich ein Teil anrüchig verteilte und
der andere mit den naseschmeichelnden mischte und es den Mareikes dieser Welt überließ, den für ihren Flakon geeigneten zu wählen. Streifte Rüdiger versteckt in seinem Schatten, der ihn vor den Urteilen
bewahrte, entlang der Ladenfluchten durch die Fußgängerzonen der Menschen, die
ihre nicht mit ihm teilten, verströmte er seine Anwesenheit mit dem, was ihm
blieb, wenn er sich zum Schlafen enger an die Nische schmiegte nahe eines
Geldautomaten, wenn auch er träumte
und er beim Träumen urinierte und es sich nicht lohnte, die Liege aus Karton zu
verlassen und das Träumen. Und streifte Rüdiger
entlang der Felder, wenn der Mais hoch stand und nahm sich das, was seinem
Magen gehörte, verströmte er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er
sich zum Kauen enger in die Nische schmiegte, die man ihm ließ, damit auch er
noch zum Träumen kam und kaute noch im Schlafen darauf rum, als sich die Maiskörner
schon längst verdauten. Und streifte er durch die Supermärkte und nahm er die
Gerüche auf, die andere verströmten, und griff er nach der Weinbrandflasche,
nach dem Tabak und den Blättchen und ließ man ihn am Kassenband vor, weil er
alle Düfte einsammelte, die ein
Straßenleben teilte, und die Kassiererin nur widerwillig seine Münzen zählte,
weil auch sie wegen dem Leben auf der Straße klebten, mied er seine Anwesenheit
mit dem, was ihm blieb, wenn er sich auf der Parkbank enger an seine Schlücke
schmiegte, damit auch er noch zum Träumen kam, aber seine Abwesenheit in diesem
einen Glucken erkannte, daß auch er das Träumen nicht befehlen konnte. Und
verströmte er Liebe mit der Anwesenheit, die er mit Karin teilte, und schmiegte er sich enger an sie in den Schlafsack,
den sie teilten, und machten diese an der Wand, die ihnen blieb, entlang des
Flures einer U-Bahnstation, gab es niemanden, der ihre Träume teilte, aber
schenkten Rüdiger und Karin dem Schmutz ihre Reinheit, die
sich unter all den Gerüchen verbarg, und küßten alle Träume zu Leben. Und
streiften beide durch die Schatten der Menschen und hielten sich von Lichtern
dazwischen fern und verströmten sie sich, mit den leeren Ansichten, die man
ihnen ließ, weil auch sie lebten, schmiegten sie sich enger in die Nische des
Eingangs eines Kaufhauses und trug Karin
das Kind aus, das aus den Träumen entstand, und verströmte der Junge seine
Anwesenheit mit dem Geruch, den nur Neugeborene ihr eigen nannten als Mitgift
für das Versprechen, eigene anzunehmen, wenn die Zeit für eigenes Träumen reif
war, schmiegte er sich enger an die Brust seiner Mutter, und Rüdiger nahm auch diesen Duft auf.
Und in der Zeit, die beiden blieb, sich zu
verabschieden und in den Sorgen, die sich mit den Schlücken aus der Pulle
mischten und mit den Anhaftungen, die sie teilten, als sie den Jungen zu Grabe
trugen in einer Mülltonne und sich Karin
und Rüdiger für immer aus den Augen
verloren, schmiegten sie sich enger an die Straßen, die ihre Namen kannten,
aber Rüdigers und Karins nie und träumten vielleicht für
einen, als sie auseinanderliefen.
Erzählte ihr Lauf eine traurige Geschichte. Und wäre
sie hier zu Ende, hier auf dem Weihnachtsmarkt, im Dazustellen, abseits
inmitten der Menge, umgeben von den Geschicken, die andere begleiteten, und
wäre der Schluß gedacht, sich aufzugeben, ob es sich lohnte auch bleiben zu
sollen, dann hätte Rüdiger nur sitzen
bleiben wollen. Ungeachtet dessen, was sich nicht betrachten ließe, ungeachtet
dessen, was er sich für seine eigene Geschichte als Fortsetzung wünschte.
Schmiegte diese hier aber sich nun näher zu der
Krippe und nun so zu Rüdiger, oder Joseph, ohne sich zu verstellen oder
sich zu bewegen. Verströmte den Geruch, den alle Stallgeschichten brauchten, um
sich mit den Anhaftungen einer Reise zu mischen. Und zwischen den Schlücken der
Pulle aus der Platte kreiselte eine Münze im Napf der Wahrheiten. Und Mareike. Mareike konnte zum ersten Mal im Leben hören. War sie kein Mensch.
Keiner dieser, die man im Vorübergehen ansah, um sich an deren Leben zu heften.
War sie zu schön, um Gefallen zu finden. War sie das Grundrauschen, aus dem
sich kein klarer Gedanke fassen konnte, wollte man in sich hineinhorchen. War
sie gehörlos seit ihrer Geburt und wahrscheinlich deshalb so schön, um sich so
Gehör in den Augen zu verschaffen. Die sich aber nie trauten, sie anzusehen.
Nicht gleich. Aber dann anzusprechen. Viele Male, wenn sie den Bus in die Stadt
nahm, um gesehen zu werden oder auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, aber selbst
nicht hören konnte, woher diese Stimme
kam. Und vielleicht war es die Stimme ihrer Träume. Und vielleicht war es auch
ein Mann. Der sich erst traute, als er aus ihrem Blick verschwand. Weil sie zu
schön war, als daß er sich traute, seinen Blick in ihren zu schicken, als sie
beide gleiche Wege nutzten, um sich dazuzustellen. Und vielleicht gab er das
Träumen auf, weil Mareike auf sein Hallo nicht antwortete, wenn er neben
ihr im Bus saß, im Supermarkt hinter ihr an der Kasse, auf dem Weihnachtsmarkt
und sie nur deshalb ansprach, weil er sie kannte, weil man sich schon kannte,
wenn man sich mehr als nur einmal sah.
Und das erste Geräusch im Leben, das Mareike hörte, war das Kreiseln einer
Münze. Und vielleicht brauchte es das Wunder der Wahl der Platte eines
Bettlers, der sich näher an die Krippe schmiegte und die dadurch seinen Geruch
annahm. Vielleicht brauchte es nicht mehr.
Und Mareike.
Und Mareike konnte hoffen. Noch so
viel hoffen.
*
[Anmerkung: Dies ist eine ältere Geschichte. Ca. 2011 entstanden. Alle Namen sind frei erfunden.]
