"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Dienstag, 5. August 2014

Signierstunde – Leserinnen fragen, der Autor antwortet





Er gab seine Autogramme, er nickte, er lächelte, im Hintergrund hielt sein Agent mit einem Chlorsteinzähnegrinsen beide Daumen hoch und zählte die Scheine. Seine zuerst.

Eine etwas fahrige Verehrerin hielt den Verkehr auf. Sie nestelte an ihrer spitzäugigen Brille, die fiel herunter von zu schmaler Nase, suchte sie unten bei den Beinen und so sammelte sich eine Traube. Andere reichten ihre Hände über deren Kopf, winkten mit der Neuerscheinung und Stift, die ihr Leben verändern sollte, wenigstens für den Augenblick des Lesens, hielten sie doch das Geschriebene für ihres, da sie es lasen und hatten eigen Erlebtes nur aus seinen Worten. Sie würde niemals jemand zum Diktat bitten. Hatten sie nichts zu erzählen, außer Gelesenes, Kulturpagenhaarschnitte, schmale Brillensehnsüchte und rote, viel zu roten Lippenstift auf zu wenig Unterlage, dünnen Lippen, die niemand küssen wollte, der bei Verstand war, oder Autor war.

Dem Autor war es egal. Er zeichnete ihre Träume gegen und lebte ansonsten sein 2,4er-Abiturleben mit Blick auf Abrundung.

Die schmalzüngige Brillenschlange – hastig rückte sie ihr Brillengestell zurecht – mit der Fistelstimme kam aus der Beuge, stand gerade, wurde aber sodann von der Frauentraube gen Autorentisch gedrückt, lag sie nun da, rücklings, als weitere Gabe, die gegengezeichnet werden sollte. Sie Hach…-te, flatterte mit ihren Notstandsgesetzenwimpern und uh…-te und ah…-te ob ihrer hinzugewonnenen Lage als Auslage auf dem Tisch eines Autorengehabes, der nur seine Scheine, die sein Agent ihm ließ, gleich hinter der Bühne selber lieber noch mal nachzählen wollte, mit ehrlichem Lächeln eines Argwohns, der allen Autoren zu eigen, und zuwider war.

Und wollte gerade den Pergamentarm der Dame signieren, da sie ihn hinhielt, als wolle sie ihn berühren und sie sich von ihm beschreiben lassen – so nah, so da, der Autor ihrer feuchten, tränenfeuchten Träume –, da öffnete sie die Zeilenlippen und wollte schon küssen, da steckte er ihr den Stift für die Autogramme in den Mund. Dumpf. Was sie – sie mußte sich erinnern – an ihr Leben ohne Bücher erinnerte. Kaute sie doch auf Stiften ihr ganzes Leben herum, wahrscheinlich, um sich das Essen abzugewöhnen, nahm sie zu nur mit Worten, doch fragte den Autor dann, wie es komme, daß er es schaffe, mit seinen Zeilen so viele Gefüüühle zu erzeugen: „Wie schaffen sie daf, hach…“ Klimperwimper.

Der Autor überlegte nicht lange – Gefühle waren ihm zuwider, waren etwas für Menschen –, die Scheine aus den Börsen der Damen schon in der Sakkotasche, und begann, sehr ernst und wichtig:

Nun, es gibt Menschen.

Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Es ist das, was Du jeden Tag siehst. Es ist banal. Um Dich herum entstehen sie, blühen auf und verwelken. Und es gibt Leben. Vielfältiges ist darunter und Eintöniges, Erstaunliches und Gewohntes. Um Dich herum steht es auf, bewegt sich und kommt zum Erliegen.

Nun, es gibt Ansichten. Das ist an sich nichts Erbauliches. Es ist das, was Du jeden Tag siehst. Um Dich herum schauen sie auf, vertreten ihre Sichten und ändern die Blicke. Es ist banal. Und es gibt Einblicke. Abwechslungsreiches ist darunter und Einförmiges, Merkwürdiges und Geläufiges. Um Dich herum bringen sie Dich zum Einhalten, zum Nachdenken und zum Steuern.

Es gibt noch Vieles mehr, das Du selbst beschreiben könntest.

Und dann gibt es Dinge.

Dinge, die sich in Dir einnisten. Um Dich herum entstehen sie, blühen auf und vergehen nicht mehr. Es ist nicht banal. Du weigerst Dich, es zuzulassen. Du sträubst Dich, doch kannst Dich dem nicht entsagen. Du haßt es, daß es geschieht. Doch Du kannst nicht davon ablassen. Du willst, daß es nicht geschieht.
Doch dann siehst Du wieder hin. Du wartest darauf, wenn es erfolgt. Du willst, daß es passiert. Dein Denken hat sich darauf eingetuned.

Da ist etwas, das hat sich eingenistet.

Dein ganzes Verhalten hat sich danach ausgerichtet. Ja, Du hast Deinen Alltag und Du versiehst Deine Pflichten, ohne über das Einnisten nachzudenken. Doch wenn Du wieder in ein Milieu absteigst, in dem Du Dich bewegst, zuhause und auch sonst so, ist es wieder da. Dein Verhalten verläßt die übliche Routine.

Aber Du wehrst Dich.

Sagt Dir das Einnisten, Du sollst links gehen, dann gehst Du rechts. Sagt Dir Dein Einnisten, Du sollst springen, dann gehst Du in die Hocke. Sagt Dir das Einnisten, Du sollst sprechen, dann schweigst Du. Merkst Du etwas?

Du richtest Dich schon nach dem, was das Einnisten Dir sagt.

Das ist gewollt.


Von mir.


Und mit ‚Du‘ bin nicht ich gemeint.


Und ich muß nicht mal viel machen.

Nur meine banalen Geschichten erzählen.“


Hach… und uh… und ah… von den Damen. Alle strahlten und vergaßen, daß sie Erwachsene waren.

„Das ist so wie wenn jemand zu Besuch kommt, seinen Einkauf in den fremden Kühlschrank einräumt, vergißt, ihn beim Gehen wieder mitzunehmen und die Kühlschrankbesitzerin sich darüber ärgert, weil sich etwas Fremdes in etwas Bekanntes eingenistet hat. Aber sich freut, daß etwas vorhanden ist, was die Leere voller machen läßt. Auch wenn sie nicht an die fremden Dinge rangehen darf. Hat sich halt eingenistet. Kann aber nicht ran. Kriegt es nicht raus. Das nennt man die adsume Symbiont-Wirt-Dysfunktion.“

Und aufgrund dieser nahm er der spitzäugigen Dame mit dem Brillengestell aus Schlangenhautimitat nun seinen Signierstift wieder weg, sie hielt mit den Lippen fest, was nicht ihr gehörte, Plopp, wischte ihn mit einem gemusterten Taschentuche trocken und zeichnete empathisch, aber gefühllos weitere Bücherleben krakelig gegen.


Ah… und uh… und hach…






*




Kind der Düfte


Eine TV-Weihnachtsgeschichte in drei Teilen – 3. Teil: Karin


Vielleicht stünde es jedem gut zu Gesicht so zu sein, wie er sich selbst wünscht. Und vielleicht wären Augen nicht vonnöten. Und vielleicht vertraute man so auf sich, daß man nicht mehr in den Spiegel blickte, um sich zu vergewissern, wie man wünschte, angesehen zu werden. Und vielleicht.

War Rüdiger sich selbst nicht sicher, welche Münze er so wortlos in seine Antworten steckte. Erzählte er Mareike bloß das, was seinen Magen füllte. Und vielleicht war es auch so gleich, was er ihr enthüllte, solange er sie nur ansah in ihrem Begehren, sich mitzuteilen, obwohl sie nie Worte dafür fand und diese, statt, einkleidete in die kalte Luft der Winterweihnacht, was für sie hieß, sich zu verkleiden in der Gefälligkeit, wunderschön zu sein für andere, auch wenn sie sich damit keinen tat.

War Rüdiger für sie die Stimme, lallend leicht von zu vielen Schlücken aus der Pulle, die dazu nötig war aus dem Grundrauschen der überlagerten Gedanken, den einen klaren herauszufiltern, den Mareike vor dem Spiegel im Badezimmer nicht hören konnte, wenn sie dort in sich hineinhorchte. Und vielleicht war der Geruch vonnöten, sich vor den Stall zu stellen, den Rüdiger mit seinem Straßenleben einsammelte und vielleicht hätte er davon erzählen können, wie sie dazu kamen, sich anzuhaften. War Rüdiger der Sammler der Düfte, aus denen sich ein Teil anrüchig verteilte und der andere mit den naseschmeichelnden mischte und es den Mareikes dieser Welt überließ, den für ihren Flakon geeigneten zu wählen. Streifte Rüdiger versteckt in seinem Schatten, der ihn vor den Urteilen bewahrte, entlang der Ladenfluchten durch die Fußgängerzonen der Menschen, die ihre nicht mit ihm teilten, verströmte er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er sich zum Schlafen enger an die Nische schmiegte nahe eines Geldautomaten, wenn auch er träumte und er beim Träumen urinierte und es sich nicht lohnte, die Liege aus Karton zu verlassen und das Träumen. Und streifte Rüdiger entlang der Felder, wenn der Mais hoch stand und nahm sich das, was seinem Magen gehörte, verströmte er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er sich zum Kauen enger in die Nische schmiegte, die man ihm ließ, damit auch er noch zum Träumen kam und kaute noch im Schlafen darauf rum, als sich die Maiskörner schon längst verdauten. Und streifte er durch die Supermärkte und nahm er die Gerüche auf, die andere verströmten, und griff er nach der Weinbrandflasche, nach dem Tabak und den Blättchen und ließ man ihn am Kassenband vor, weil er alle Düfte einsammelte, die ein Straßenleben teilte, und die Kassiererin nur widerwillig seine Münzen zählte, weil auch sie wegen dem Leben auf der Straße klebten, mied er seine Anwesenheit mit dem, was ihm blieb, wenn er sich auf der Parkbank enger an seine Schlücke schmiegte, damit auch er noch zum Träumen kam, aber seine Abwesenheit in diesem einen Glucken erkannte, daß auch er das Träumen nicht befehlen konnte. Und verströmte er Liebe mit der Anwesenheit, die er mit Karin teilte, und schmiegte er sich enger an sie in den Schlafsack, den sie teilten, und machten diese an der Wand, die ihnen blieb, entlang des Flures einer U-Bahnstation, gab es niemanden, der ihre Träume teilte, aber schenkten Rüdiger und Karin dem Schmutz ihre Reinheit, die sich unter all den Gerüchen verbarg, und küßten alle Träume zu Leben. Und streiften beide durch die Schatten der Menschen und hielten sich von Lichtern dazwischen fern und verströmten sie sich, mit den leeren Ansichten, die man ihnen ließ, weil auch sie lebten, schmiegten sie sich enger in die Nische des Eingangs eines Kaufhauses und trug Karin das Kind aus, das aus den Träumen entstand, und verströmte der Junge seine Anwesenheit mit dem Geruch, den nur Neugeborene ihr eigen nannten als Mitgift für das Versprechen, eigene anzunehmen, wenn die Zeit für eigenes Träumen reif war, schmiegte er sich enger an die Brust seiner Mutter, und Rüdiger nahm auch diesen Duft auf.

Und in der Zeit, die beiden blieb, sich zu verabschieden und in den Sorgen, die sich mit den Schlücken aus der Pulle mischten und mit den Anhaftungen, die sie teilten, als sie den Jungen zu Grabe trugen in einer Mülltonne und sich Karin und Rüdiger für immer aus den Augen verloren, schmiegten sie sich enger an die Straßen, die ihre Namen kannten, aber Rüdigers und Karins nie und träumten vielleicht für einen, als sie auseinanderliefen.

Erzählte ihr Lauf eine traurige Geschichte. Und wäre sie hier zu Ende, hier auf dem Weihnachtsmarkt, im Dazustellen, abseits inmitten der Menge, umgeben von den Geschicken, die andere begleiteten, und wäre der Schluß gedacht, sich aufzugeben, ob es sich lohnte auch bleiben zu sollen, dann hätte Rüdiger nur sitzen bleiben wollen. Ungeachtet dessen, was sich nicht betrachten ließe, ungeachtet dessen, was er sich für seine eigene Geschichte als Fortsetzung wünschte.

Schmiegte diese hier aber sich nun näher zu der Krippe und nun so zu Rüdiger, oder Joseph, ohne sich zu verstellen oder sich zu bewegen. Verströmte den Geruch, den alle Stallgeschichten brauchten, um sich mit den Anhaftungen einer Reise zu mischen. Und zwischen den Schlücken der Pulle aus der Platte kreiselte eine Münze im Napf der Wahrheiten. Und Mareike. Mareike konnte zum ersten Mal im Leben hören. War sie kein Mensch. Keiner dieser, die man im Vorübergehen ansah, um sich an deren Leben zu heften. War sie zu schön, um Gefallen zu finden. War sie das Grundrauschen, aus dem sich kein klarer Gedanke fassen konnte, wollte man in sich hineinhorchen. War sie gehörlos seit ihrer Geburt und wahrscheinlich deshalb so schön, um sich so Gehör in den Augen zu verschaffen. Die sich aber nie trauten, sie anzusehen. Nicht gleich. Aber dann anzusprechen. Viele Male, wenn sie den Bus in die Stadt nahm, um gesehen zu werden oder auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, aber selbst nicht hören konnte, woher diese Stimme kam. Und vielleicht war es die Stimme ihrer Träume. Und vielleicht war es auch ein Mann. Der sich erst traute, als er aus ihrem Blick verschwand. Weil sie zu schön war, als daß er sich traute, seinen Blick in ihren zu schicken, als sie beide gleiche Wege nutzten, um sich dazuzustellen. Und vielleicht gab er das Träumen auf, weil Mareike auf sein Hallo nicht antwortete, wenn er neben ihr im Bus saß, im Supermarkt hinter ihr an der Kasse, auf dem Weihnachtsmarkt und sie nur deshalb ansprach, weil er sie kannte, weil man sich schon kannte, wenn man sich mehr als nur einmal sah.

Und das erste Geräusch im Leben, das Mareike hörte, war das Kreiseln einer Münze. Und vielleicht brauchte es das Wunder der Wahl der Platte eines Bettlers, der sich näher an die Krippe schmiegte und die dadurch seinen Geruch annahm. Vielleicht brauchte es nicht mehr.


Und Mareike. Und Mareike konnte hoffen. Noch so viel hoffen.





*





[Anmerkung: Dies ist eine ältere Geschichte. Ca. 2011 entstanden. Alle Namen sind frei erfunden.]