"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Mittwoch, 6. August 2014

Die Nonne in der Tonne


„Weißt du? Ich spiele in einem Theaterstück mit. Na, ja, mit den Kindern aus der Krebse.
Ich spiele die Hauptrolle. Bin die einzige mit Haaren.“

„Ja?“ Jenni warf die Sorgen aus den Haaren. „Wie heißt das Stück denn?“

„Die Nonne in der Tonne.“

„Kenne ich nicht.“ War auch egal. Sie hielt den Blick gesenkt. Dennoch fragte sie: „Worum geht es denn…“

„Ach, eine junge Nonne – das bin ich…“, sie setzte sich aufrecht hin, „…will aus dem Kloster fliehen. Sie hat sich verliebt.“ Jenni war bei Gedanken. Chloë erzählte trotzdem weiter.

„Sie klettert aus dem Fenster ihrer Zelle – so heißen die Räume, in denen die Schwestern wohnen – in den Hof. Ihr Freund – spielt der Leuko-Toni, was für ein Spasti, pff! –, na, ja, ihr Freund, so glaubt sie, wartet vor dem Tor. Die Nonne ist jung und…“ Chloë sprang auf und präsentierte sich übertrieben. „…schön. Wie ich! Ha, ha.“

Sie kam nahe, strich durch Jennis rote Haare, dann wuschelte sie. „Es tut gut, durch Haare zu wuscheln. Wenn man in der Krebse liegt.“ Jenni war baff. Chloë spielte ihr die Geschichte vor…

„Die Nonne… Sie ist fleißig und demütig. Und gehorsam und gütig. Sie hat Gründe, Nonne zu sein. Jeden Tag arbeitet sie in der Küche, kocht und putzt für die Armen. Für ihre Schwestern. Ihren einzigen Geliebten: Keusch küßt sie das Kreuz. Nur einmal in der Woche – sonntags nach der Andacht und den Chorälen – setzt sie ein Lächeln auf. Ihre schönen Lippen, und hilft im Trödelladen des Klosters aus. Um die Spenden der Woche auszusortieren. Kleider und Schuhe, Bücher und andere Dinge.“

 Chloë warf sich in den Schneidersitz.

„Sie sitzt auf einer Kiste und liest heimlich in den Büchern. Sie öffnet die Tür – im Winter läßt sie einen Schuh dazwischen –, hängt das Geöffnet!-Schild heraus und wartet sehnsüchtig – läßt sich nichts anmerken – auf Kunden. Die kommen spärlich, aber gerne. Spärlich. Aber gerne. Und bringen Düfte mit hinein, die sie nur von weiter Ferne her kennt: Aus der Erinnerung. Doch jeder Gast, wie sie ihre Kunden nennt, bringt auch ein Geschenk mit: Die Wärme eines Herzen. Das, neben dem Beten, ist der Inhalt ihres Lebens. Das gibt ihr, wenn sie abends das Geöffnet!-Schild umdreht, Kraft für die nächste Woche. Und die nächste. Und die darauf folgt. Wenn sie jeden Tag in der Küche arbeitet, kocht und putzt für die Armen. Für ihre Schwestern. Ihren einzigen Geliebten. Wenn sie keusch das Kreuz küßt. Doch dann eines Tages…“

Sie stand auf, purzelte auf den Boden, zu ihren Füßen, legte warme Freude auf die Knie, nahm Jennis Gesicht in wärmere Hände und hob ihren Kopf.

„…kommt ein junger Mann herein. Mit dunklen Haaren und Augen… Du solltest Leuko-Spasti mal mit seiner Perücke sehen! Ha, ha! Na, wie dem auch sei…“

Chloë leckte sich mit der Zunge über die Lippen.

„Er streift durch den Laden. Tut so, als ob er sie nicht sieht. Sie tut so, als ob sie das nicht sieht. Sie verkauft ihm das Buch, das sie gerade liest. An der Kasse. Sie verlieben sich auf den ersten Blick. Was sonst? Ha, ha…“

Chloë sprang auf, legte die Arme zu einem A vor die Brust und unters Kinn, tanzte sich zurück zum freien Krankenbett, stieg darauf.

„Woche für Woche treffen sie sich in der Trödelkammer, unauffällig, bis… nun, ja, sie eines Abends heimlich aus dem Fester klettert. Ihrer Zelle.“

Chloë machte es vor. Ein Bett als Theater.

„Mit den Fußspitzen findet sie Halt an einer Tonne, steigt herunter und stiehlt sich über den Hof. Doch plötzlich kommen die Äbtissin und zwei ihrer Schwestern vorbei. Schnell muß sie sich verstecken. Sie eilen heran, sie irrt umher, dann sieht sie die Tonne, rennt zurück, öffnet den Deckel, sieht hinein und versteckt sich in ihr. Sie wartet, bis die Luft rein ist. Zum Glück! Niemand entdeckt sie. Sie wartet. Lauscht. Und will wieder heraus. Und will heraus, wenn die Luft rein ist. Doch immer, wenn sie heraussteigen will, weil sie glaubt, daß die Luft rein ist, kommen Leute vorbei. Notgedrungen belauscht sie deren Gespräche. Die Zeit vergeht. Ohne, daß sie das will, denkt sie über ihr Leben nach. In ständiger Angst, der Leuko-Toni wartet nicht mehr auf sie.“

„Kommt sie denn am Ende heraus?“

„Weiß ich nicht, soweit bin ich noch nicht. Was sich versteckt, wird entdeckt. Die Freiheit hält sie gefangen. Verstehst du?“

Jenni blickte sie ratlos an.

„Sie kommt nicht frei. Je mehr sie sich auch müht. Kommt sie nicht frei. Kommt nicht frei. Sie kann sich nicht entscheiden. Entdecken, verstecken. Wagt sie es, herauszukommen, und riskiert es, erwischt zu werden? Oder riskiert sie nichts? Dann bleibt sie in der Tonne. Von mir aus ewig. Theaterprobe ist nur von 10 bis 11 Uhr.“

„Eine doofe Geschichte…“ Jenni streckte sich im Bett aus. Und fand zu einem Lächeln. Dann warf Chloë mit einem Kissen nach ihr. Sie traf. Sie las in ihrem Gesicht. Chloë fing an, laut zu lachen. Jenni verstand:

„Das hast du dir ausgedacht! Gib es zu!“

Sie sprang auf, vergaß, daß der Knöchel schmerzte, und versuchte, Chloë im Krankenzimmer wildzufangen. Das Fenster rückte sich ins Licht.

„Komm' doch! Komm' doch! Du kommst ja nicht! Da wird ja die Nonne in der Tonne verrückt! Ha, ha!“





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Dienstag, 5. August 2014

Signierstunde – Leserinnen fragen, der Autor antwortet





Er gab seine Autogramme, er nickte, er lächelte, im Hintergrund hielt sein Agent mit einem Chlorsteinzähnegrinsen beide Daumen hoch und zählte die Scheine. Seine zuerst.

Eine etwas fahrige Verehrerin hielt den Verkehr auf. Sie nestelte an ihrer spitzäugigen Brille, die fiel herunter von zu schmaler Nase, suchte sie unten bei den Beinen und so sammelte sich eine Traube. Andere reichten ihre Hände über deren Kopf, winkten mit der Neuerscheinung und Stift, die ihr Leben verändern sollte, wenigstens für den Augenblick des Lesens, hielten sie doch das Geschriebene für ihres, da sie es lasen und hatten eigen Erlebtes nur aus seinen Worten. Sie würde niemals jemand zum Diktat bitten. Hatten sie nichts zu erzählen, außer Gelesenes, Kulturpagenhaarschnitte, schmale Brillensehnsüchte und rote, viel zu roten Lippenstift auf zu wenig Unterlage, dünnen Lippen, die niemand küssen wollte, der bei Verstand war, oder Autor war.

Dem Autor war es egal. Er zeichnete ihre Träume gegen und lebte ansonsten sein 2,4er-Abiturleben mit Blick auf Abrundung.

Die schmalzüngige Brillenschlange – hastig rückte sie ihr Brillengestell zurecht – mit der Fistelstimme kam aus der Beuge, stand gerade, wurde aber sodann von der Frauentraube gen Autorentisch gedrückt, lag sie nun da, rücklings, als weitere Gabe, die gegengezeichnet werden sollte. Sie Hach…-te, flatterte mit ihren Notstandsgesetzenwimpern und uh…-te und ah…-te ob ihrer hinzugewonnenen Lage als Auslage auf dem Tisch eines Autorengehabes, der nur seine Scheine, die sein Agent ihm ließ, gleich hinter der Bühne selber lieber noch mal nachzählen wollte, mit ehrlichem Lächeln eines Argwohns, der allen Autoren zu eigen, und zuwider war.

Und wollte gerade den Pergamentarm der Dame signieren, da sie ihn hinhielt, als wolle sie ihn berühren und sie sich von ihm beschreiben lassen – so nah, so da, der Autor ihrer feuchten, tränenfeuchten Träume –, da öffnete sie die Zeilenlippen und wollte schon küssen, da steckte er ihr den Stift für die Autogramme in den Mund. Dumpf. Was sie – sie mußte sich erinnern – an ihr Leben ohne Bücher erinnerte. Kaute sie doch auf Stiften ihr ganzes Leben herum, wahrscheinlich, um sich das Essen abzugewöhnen, nahm sie zu nur mit Worten, doch fragte den Autor dann, wie es komme, daß er es schaffe, mit seinen Zeilen so viele Gefüüühle zu erzeugen: „Wie schaffen sie daf, hach…“ Klimperwimper.

Der Autor überlegte nicht lange – Gefühle waren ihm zuwider, waren etwas für Menschen –, die Scheine aus den Börsen der Damen schon in der Sakkotasche, und begann, sehr ernst und wichtig:

Nun, es gibt Menschen.

Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Es ist das, was Du jeden Tag siehst. Es ist banal. Um Dich herum entstehen sie, blühen auf und verwelken. Und es gibt Leben. Vielfältiges ist darunter und Eintöniges, Erstaunliches und Gewohntes. Um Dich herum steht es auf, bewegt sich und kommt zum Erliegen.

Nun, es gibt Ansichten. Das ist an sich nichts Erbauliches. Es ist das, was Du jeden Tag siehst. Um Dich herum schauen sie auf, vertreten ihre Sichten und ändern die Blicke. Es ist banal. Und es gibt Einblicke. Abwechslungsreiches ist darunter und Einförmiges, Merkwürdiges und Geläufiges. Um Dich herum bringen sie Dich zum Einhalten, zum Nachdenken und zum Steuern.

Es gibt noch Vieles mehr, das Du selbst beschreiben könntest.

Und dann gibt es Dinge.

Dinge, die sich in Dir einnisten. Um Dich herum entstehen sie, blühen auf und vergehen nicht mehr. Es ist nicht banal. Du weigerst Dich, es zuzulassen. Du sträubst Dich, doch kannst Dich dem nicht entsagen. Du haßt es, daß es geschieht. Doch Du kannst nicht davon ablassen. Du willst, daß es nicht geschieht.
Doch dann siehst Du wieder hin. Du wartest darauf, wenn es erfolgt. Du willst, daß es passiert. Dein Denken hat sich darauf eingetuned.

Da ist etwas, das hat sich eingenistet.

Dein ganzes Verhalten hat sich danach ausgerichtet. Ja, Du hast Deinen Alltag und Du versiehst Deine Pflichten, ohne über das Einnisten nachzudenken. Doch wenn Du wieder in ein Milieu absteigst, in dem Du Dich bewegst, zuhause und auch sonst so, ist es wieder da. Dein Verhalten verläßt die übliche Routine.

Aber Du wehrst Dich.

Sagt Dir das Einnisten, Du sollst links gehen, dann gehst Du rechts. Sagt Dir Dein Einnisten, Du sollst springen, dann gehst Du in die Hocke. Sagt Dir das Einnisten, Du sollst sprechen, dann schweigst Du. Merkst Du etwas?

Du richtest Dich schon nach dem, was das Einnisten Dir sagt.

Das ist gewollt.


Von mir.


Und mit ‚Du‘ bin nicht ich gemeint.


Und ich muß nicht mal viel machen.

Nur meine banalen Geschichten erzählen.“


Hach… und uh… und ah… von den Damen. Alle strahlten und vergaßen, daß sie Erwachsene waren.

„Das ist so wie wenn jemand zu Besuch kommt, seinen Einkauf in den fremden Kühlschrank einräumt, vergißt, ihn beim Gehen wieder mitzunehmen und die Kühlschrankbesitzerin sich darüber ärgert, weil sich etwas Fremdes in etwas Bekanntes eingenistet hat. Aber sich freut, daß etwas vorhanden ist, was die Leere voller machen läßt. Auch wenn sie nicht an die fremden Dinge rangehen darf. Hat sich halt eingenistet. Kann aber nicht ran. Kriegt es nicht raus. Das nennt man die adsume Symbiont-Wirt-Dysfunktion.“

Und aufgrund dieser nahm er der spitzäugigen Dame mit dem Brillengestell aus Schlangenhautimitat nun seinen Signierstift wieder weg, sie hielt mit den Lippen fest, was nicht ihr gehörte, Plopp, wischte ihn mit einem gemusterten Taschentuche trocken und zeichnete empathisch, aber gefühllos weitere Bücherleben krakelig gegen.


Ah… und uh… und hach…






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