„Weißt du? Ich spiele
in einem Theaterstück mit. Na, ja, mit den Kindern aus der Krebse.
Ich spiele die Hauptrolle. Bin die einzige mit Haaren.“
Ich spiele die Hauptrolle. Bin die einzige mit Haaren.“
„Ja?“ Jenni warf die Sorgen aus den Haaren.
„Wie heißt das Stück denn?“
„Die Nonne in der
Tonne.“
„Kenne ich nicht.“ War
auch egal. Sie hielt den Blick gesenkt. Dennoch fragte sie: „Worum geht es
denn…“
„Ach, eine junge Nonne
– das bin ich…“, sie setzte sich aufrecht hin, „…will aus dem Kloster fliehen.
Sie hat sich verliebt.“ Jenni war bei
Gedanken. Chloë erzählte trotzdem
weiter.
„Sie klettert aus dem
Fenster ihrer Zelle – so heißen die Räume, in denen die Schwestern wohnen –
in den Hof. Ihr Freund – spielt der Leuko-Toni, was für ein Spasti, pff! –,
na, ja, ihr Freund, so glaubt sie, wartet vor dem Tor. Die Nonne ist jung und…“
Chloë sprang auf und präsentierte
sich übertrieben. „…schön. Wie ich! Ha, ha.“
Sie kam nahe, strich
durch Jennis rote Haare, dann
wuschelte sie. „Es tut gut, durch Haare zu wuscheln. Wenn man in der Krebse
liegt.“ Jenni war baff. Chloë spielte ihr die Geschichte vor…
„Die Nonne… Sie ist
fleißig und demütig. Und gehorsam und gütig. Sie hat Gründe, Nonne zu sein.
Jeden Tag arbeitet sie in der Küche, kocht und putzt für die Armen. Für ihre
Schwestern. Ihren einzigen Geliebten: Keusch küßt sie das Kreuz. Nur einmal in
der Woche – sonntags nach der Andacht und den Chorälen – setzt sie ein
Lächeln auf. Ihre schönen Lippen, und hilft im Trödelladen des Klosters aus. Um
die Spenden der Woche auszusortieren. Kleider und Schuhe, Bücher und andere
Dinge.“
Chloë warf sich in den Schneidersitz.
„Sie sitzt auf einer
Kiste und liest heimlich in den Büchern. Sie öffnet die Tür – im Winter
läßt sie einen Schuh dazwischen –, hängt das Geöffnet!-Schild
heraus und wartet sehnsüchtig – läßt sich nichts anmerken – auf
Kunden. Die kommen spärlich, aber gerne. Spärlich. Aber gerne. Und bringen
Düfte mit hinein, die sie nur von weiter Ferne her kennt: Aus der Erinnerung. Doch
jeder Gast, wie sie ihre Kunden nennt, bringt auch ein Geschenk mit:
Die Wärme eines Herzen. Das, neben dem Beten, ist der Inhalt ihres Lebens. Das
gibt ihr, wenn sie abends das Geöffnet!-Schild umdreht, Kraft für die
nächste Woche. Und die nächste. Und die darauf folgt. Wenn sie jeden Tag in der
Küche arbeitet, kocht und putzt für die Armen. Für ihre Schwestern. Ihren
einzigen Geliebten. Wenn sie keusch das Kreuz küßt. Doch dann eines Tages…“
Sie stand auf, purzelte
auf den Boden, zu ihren Füßen, legte warme Freude auf die Knie, nahm Jennis Gesicht in wärmere Hände und hob
ihren Kopf.
„…kommt ein junger Mann
herein. Mit dunklen Haaren und Augen… Du solltest Leuko-Spasti mal mit seiner Perücke sehen! Ha, ha! Na, wie dem auch
sei…“
Chloë leckte sich mit
der Zunge über die Lippen.
„Er streift durch den
Laden. Tut so, als ob er sie nicht sieht. Sie tut so, als ob sie das nicht
sieht. Sie verkauft ihm das Buch, das sie gerade liest. An der Kasse. Sie
verlieben sich auf den ersten Blick. Was sonst? Ha, ha…“
Chloë sprang auf,
legte die Arme zu einem A vor die
Brust und unters Kinn, tanzte sich zurück zum freien Krankenbett, stieg darauf.
„Woche für Woche
treffen sie sich in der Trödelkammer, unauffällig, bis… nun, ja, sie eines
Abends heimlich aus dem Fester klettert. Ihrer Zelle.“
Chloë machte es vor.
Ein Bett als Theater.
„Mit den Fußspitzen
findet sie Halt an einer Tonne, steigt herunter und stiehlt sich über den Hof.
Doch plötzlich kommen die Äbtissin und zwei ihrer Schwestern vorbei. Schnell
muß sie sich verstecken. Sie eilen heran, sie irrt umher, dann sieht sie die
Tonne, rennt zurück, öffnet den Deckel, sieht hinein und versteckt sich in ihr.
Sie wartet, bis die Luft rein ist. Zum Glück! Niemand entdeckt sie. Sie wartet.
Lauscht. Und will wieder heraus. Und will heraus, wenn die Luft rein ist. Doch
immer, wenn sie heraussteigen will, weil sie glaubt, daß die Luft rein ist,
kommen Leute vorbei. Notgedrungen belauscht sie deren Gespräche. Die Zeit
vergeht. Ohne, daß sie das will, denkt sie über ihr Leben nach. In ständiger
Angst, der Leuko-Toni wartet nicht
mehr auf sie.“
„Kommt sie denn am Ende
heraus?“
„Weiß ich nicht, soweit
bin ich noch nicht. Was sich versteckt, wird entdeckt. Die Freiheit hält sie
gefangen. Verstehst du?“
Jenni blickte sie
ratlos an.
„Sie kommt nicht frei.
Je mehr sie sich auch müht. Kommt sie nicht frei. Kommt nicht frei. Sie kann
sich nicht entscheiden. Entdecken, verstecken. Wagt sie es, herauszukommen, und
riskiert es, erwischt zu werden? Oder riskiert sie nichts? Dann bleibt sie in
der Tonne. Von mir aus ewig. Theaterprobe ist nur von 10 bis 11 Uhr.“
„Eine doofe Geschichte…“
Jenni streckte sich im Bett aus. Und
fand zu einem Lächeln. Dann warf Chloë
mit einem Kissen nach ihr. Sie traf. Sie las in ihrem Gesicht. Chloë fing an, laut zu lachen. Jenni verstand:
„Das hast du dir
ausgedacht! Gib es zu!“
Sie sprang auf, vergaß,
daß der Knöchel schmerzte, und versuchte, Chloë
im Krankenzimmer wildzufangen. Das Fenster rückte sich ins Licht.
„Komm' doch! Komm'
doch! Du kommst ja nicht! Da wird ja die Nonne in der Tonne verrückt! Ha, ha!“
*