"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Freitag, 8. August 2014

Berichte aus Liliput


Einreise


Es gab Probleme – nicht mit den Zehennagelresten, die ließen sich mit viel Worten und wenigen Luftzügen beheben, man unterstellte dem Windstoß, der dadurch entstand, sie über die Grenze geblasen zu haben, und dem Wind war noch in keinem Land samt Mitbringsel die Einreise verwehrt worden – mit dem Schlagbaum. Mit dem nun auch wieder nicht, der ließ sich bequem öffnen. Mit dem Schlagbaumwärter. Mit dem nun auch wieder nicht. Er blieb in dem Schlagbaumwärterhäuschen gefangen, weil noch immer mein Dicker Otto die Tür blockierte. Mit der Höhe. Mit der nun auch wieder nicht. Mit der Länge. Nein. Nicht mit der. Mit der Zuständigkeit.

Nachdem nun aber mit meinem Diplomatenpaß alles in Ordnung schien und auch der Zollhauptmann nun die Anweisungen schrie – er regelte das nun mit dem kleinen Grenzverkehr, das Serviettentuch fiel ihm dabei aus dem Kragen, zu viel dicker Hals für zu wenig Halt –, öffnete sich der Schlagbaum, und so stand meiner Einreise – so glaubte ich – ins Großherzogtum Liliput nichts mehr im Wege. Bis. Ja, bis dem Zollhauptmann sein Fehler auffiel. Er schrie das Wort, das ihm auf die Schnelle noch eingefallen war – Hlt! – und stellte sich dem Riesenzeh eines RIESEN in den Weg. Mutig, ließ sich von hier oben nicht erkennen.

Der Zollhauptmann gesellte sich nun zum Schlagbaum, kratzte sich am Kopf, befahl einen Zollstock herbei, maß den Schlagbaum ab – weil der kürzer war, ließ er an der Stange klettern, einer der Befohlenen stieg auf Schultern, der andere auf deren, dann der nächste, bis der Zollstock das Ende des Schlagbaumes fand, das in den Himmel zankte, und so auch das rechte Maß –, kratzte sich am Kopf, nochmal, maß nochmal mit den Fingern ab, die er sich vor die Augen holte, dann landete die Zollhauptmannsmütze aufmüpfig auf dem Boden. Schrie das Wort, das ihm auf die Schnelle aus der Krempe fiel – Krrt! – und vor Ärger, den er nicht gewohnt war, weil er auch solche Worte nicht gewohnt war, daß sie ihm in seiner kleinen Laufbahn noch einmal entgegengebracht werden würden, trat er nochmal dagegen, dann wollte er hinterher, weil die abschätzige Mütze drohte, über die Grenze zu rollen, was bestimmt zu Verwicklungen mit dem Nachbarstaat führen würde, kam das ungewohnte Rennen ihm nicht gelegen, blieb sie nun tatsächlich hinter der Grenze – auf Höhe meines Kleinen Ottos – liegen.

Und wollte sie ihm schon – der Einfachheit – hinüberditschen, doch das führte nur zu mehr Verärgerung, warum ich mich schon wieder einmische, man sei ein souveräner Staat und lasse sich von niemanden, von einem RIESEN schon gar nicht, etwas diktieren. Erst recht nicht. Die Mütze müsse erst vom Nachbarstaat deklariert werden, die Ausfuhr müsse bestätigt werden, die Wiedereinfuhr genehmigt und dann müsse noch sichergestellt werden, ob kein Vorsatz vorläge. Weil, wenn. Aber das ging in dem Klein-Klein nun unter, weil sich die Grenzbeamten nun gegenseitig die Vorschriften unter die Nasen rieben – die vom Nachbarstaat kamen aufgeregt dazu –, während meine anfing, zu jucken. Eine Wolke verirrte sich in ein NASENLOCH.

Ich überlegte kurz, ob ich die Mütze nicht einfach niedertrampeln sollte, wollte meinen Fuß aber nicht bewegen, um nicht noch mehr Probleme zu verursachen, und, ich, und, ich, und ich mußte niesen. RIESENNIESEN. Das Niesen aber wirbelte die Grenzbeamten durcheinander, so daß jetzt einige drüben und andere hüben auf dem Boden lagen. Was ich nicht wußte: das sollte mir bei der Einreise noch Probleme bereiten. Weil nun ein Grenzkonflikt drohte. Von kleinem Ausmaß! Ich kramte meine Gelassenheit aus dem Kulturbeutel, den ich immer am Körper bei mir trug, fand darin zufällig ein Taschentusch, putzte mir die NASE, tat so, als wäre nichts geschehen, überlegte kurz, es einfach auf die Kleinlichkeit zu werfen – der Einfachheit –, besann mich aber und steckte es wieder zurück in den Beutel. Die Probleme eines RIESEN mit den Zwergstaaten. Ich kramte meine Gelassenheit heraus. Und kramte.






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Berichte aus Liliput


Anreise


Und so kam es, daß es schon beim Grenzeintritt Probleme gab. 

Nicht mit dem Diplomatenpaß, mit dem war alles in Ordnung, der hatte in jedem Land Gültigkeit – nur in der Antarktis hatten die Pinguine etwas auszusetzen, man verstand sie nur undeutlich, sprach ich zwar Fischuheli, Vögelisch aber nicht, und daher wird mir es für immer ein Rätsel bleiben, woran denn nun diese Reise scheiterte – mit dem Schlagbaum. Nein, so wurde mir angedeutet, mit dem nun auch wieder nicht. Mit dem Schlagbaumwärter. Nein, so wurde mir zu verstehen gegeben, mit dem nun auch wieder nicht. Mit dem Schlagbaumwärterhäuschen in dem der Schlagbaumwärter nun gefangen war, weil mein Dicker Otto die Tür blockierte und andere Grenzbeamte des Großherzugtums Liliput schon mit dem Messen begannen, ob der nun dadurch schon die Grenze überschritten hatte, als ich ihn vor das Schlagbaumwärterhäuschen setzte und pro forma doch noch nicht offiziell eingereist war. Weil der Schlagbaumwärter ja nicht aus seinem Häuschen herauskommen und in meinem Diplomatenpaß einen Einreisevermerk stempeln konnte.

Ob schon eine Grenzüberschreitung vorlag, ich also erst des Landes verwiesen werden müsse – persona non grata –, bevor ich dann ordnungsgemäß einen Wiedereinreiseantrag stellen könne – den Fuß müsste ich dann kostenpflichtig zurücksetzen –, oder ob eine Ausnahmeregelung greife, weil, wegen dem Nagel und so. Man rief Verstärkung herbei – der Zollhauptmann wurde aus seiner Mittagspause gerissen, sein Serviettentuch steckte noch im Kragen, das Laufen befahl die Richtung, in die es wehte, Tomatensuppenflecken – und besorgte auf die Schnelle Maßbänder mit lautem Befehlen, um den Umfang der vermeintlichen Grenzverletzung nicht nur im Umfang, sondern auch in Zentimetern ausdrücken zu können. Man war sich uneins, ob der Fußnagel schon zum belebten Teil des Dicken Ottos gehörte oder als zum Reisegepäck zählendes Utensil, das keiner Einreisestempelung benötigte. So als stellte man seine Koffer auf die Grenzlinie, vor Einreise, und die gehörten ja nicht zur persona grata, die also die Einreise folgenreich und so erfolgreich tätigte, sondern zur Person, die noch einzureisen wünschte. Und Koffer brauchten sowieso keine Papiere.

Ich bot der Einfachheit an, den Fuß von selbst zurückzusetzen, doch das erzeugte zu meiner Verwunderung nur noch mehr Verwirrung in den schon rotangelaufenen Gesichtern der Paßkontrolle. Schließlich sei man ein souveräner Staat, und von einem Dahergelaufenen, und sei es noch ein RIESE, lasse man sich die Vorschriften nun schon mal gar nicht diktieren, die schon immer galten und schon immer funktionierten. Und nur bei einem RIESEN wie mir jetzt Probleme machten. Und gaben mir indirekt zu verstehen, daß meine Größe daran schuld sei. Bei mir zuhause, da, wo ich herkomme, sind alle so groß, dachte ich. Und gab ihnen indirekt zu verstehen, daß ihre Kleinlichkeit – ob Dicker Otto nun, oder Zehennagel – daran schuld sei, daß nun Probleme auftauchten. Ich überlegte kurz, ob ich sie einfach niedertrampeln sollte, kramte aber meine Gelassenheit aus dem Kulturbeutel, den ich immer am Körper bei mir trug, fand darin zufällig eine Nagelpfeile, holte sie hervor, bückte mich und kürzte den Zehennagel vor verdutzter Paßkontrolle auf das gewünschte Maß hinter die Grenzlinie. Was ich nicht wußte: die Nagelreste sollten mir noch bei der Zollkontrolle Probleme bereiten. Diplomatenpaß hin oder her. Ob ich sie hineinschmuggeln wollte. Und wie man sie deklarieren sollte. Andere Länder, andere Vorschriften. Die Probleme eines RIESEN mit den Zwergstaaten. Ich kramte meine Gelassenheit heraus. Und kramte.






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