"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Montag, 11. August 2014

Spurensicherung


Stattdessen suchte er in den Pflanzentöpfen weiter. Die Erde war feucht, also lag es nahe, daß man sie nicht vergessen hatte. Er roch an seinem Finger. Kein Dünger. Er nahm sich alle Töpfe vor, dann vergewisserte er sich, daß sie alle wieder so standen, wie er sie vorgefunden hatte. Die Fenster waren geputzt. Schlieren deuteten auf eiliges Wischen. Er öffnete die Tür zum Balkon. Keine Stühle, keine Blumenkästen am Geländer. Nicht mal vergessenes Gerümpel, das man sonst in den Keller stellte. Der Boden aber gefegt. Er beugte sich über die Spuren. Feine Borstenstriche. Sie kamen in der Mitte zusammen.

Das Wohnzimmer.

Keine Zeitschriften, keine Kataloge. Der Couchtisch unscheinbar. Eine feine Staubschicht. Er strich darüber. Untersuchte die Art des Staubes zwischen Daumen und Zeigefinger. Er entdeckte seinen Fehler. Der Abstrich verriet, daß jemand – wenn auch nicht er – über die Tischplatte fühlte. Er überlegte. Sah sich nach den Regalen um, eine Schrankzeile. Er nahm sich einen Stuhl zur Hand, stellte sicher, daß er auf diesem keine Spuren hinterließ, stieg hinauf, prüfte die Staubschicht auf der Schrankdecke, holte einen Zettel aus der Jackentasche hervor und schabte an der Wandseite genügend Staub ab, den er für die Couchtischplatte benötigte. Er füllte den Fingerabstrich damit auf. Er ging sorgfältig vor. Auch wenn eine kleine Spur sichtbar blieb. Er stellte den Stuhl an seinen Platz. Nahm ein Taschentuch zur Hand, aus Stoff, keines aus Papier, das Fusseln hinterließ, und wischte die Fußabdrücke von der Sitzfläche ab.

Das Schlafzimmer.

Das Bett war gemacht. Doppelbett, zwei Matratzen, zwei Kissen, eine Decke, die beides überspannte. Eine Matratze abgenutzter. Ein verspiegelter Kleiderschrank, keine Beistelltische, ein stummer Diener. Kleidung unscheinbar. Sauber zusammengefaltet. Er bückte sich und schaute unter dem Bett nach. Er machte denselben Fehler nicht zweimal und pustete leicht. Kein Staub. Vor kurzem erst aufgesaugt. Leichter Gummiabrieb der Staubsaugerdüse. Er prüfte den Wellenschlag der Bettdecke auf Höhe der Bettkante. Versetztes Fasergewebe. Es deutete daraufhin in welche Richtung die Decke gezogen wurde. Übereinstimmung mit Matratzenabnutzung. Er schritt die Fußspuren ab, die er in den Läufer trat, stellte nach jedem Tritt zurück die Flusen wieder so, wie sie waren.

Die Küche.

Eckbank, Küchentisch, Plastiküberwurf. Sauber abgewischt. Tasseneinlassungen. Nur eine. Kreise. Toleranz in der Entfernung zum Sitzplatz minimal. Er öffnete den Küchenschrank, nahm Maß, öffnete alle anderen Schranktüren, fand Kaffee und Teebeutel in annähernd gleicher Menge. Er berechnete die Schwere von Kaffeepartikeln und Teebeuteln bei gleichem Wasservolumen und berücksichtigte die Tiefe der Tasseneinkerbungen im Plastiküberwurf des Tisches. Auch Zuckergehalt und Milchanteil – Zucker und Milch standen in ausreichender Menge bereit –, der bei beiden Getränken voneinander abwich. Der Inhalt des Kühlschranks entsprach den üblichen Gewohnheiten. Augenfällig: keine Säfte. Der Einfluß der Sonneneinstrahlung hatte keinen Einfluß auf den Vergilbungsgrad der Fettablagerungen seitlich der Kochzeile. Einbauküche unscheinbar. Er schloß die Schranktüren. Prüfte dabei die Freigängigkeit der Scharniere. Nur eines deutete auf häufige Nutzung hin.

Das Badezimmer.

Großes Waschbecken, Flüssigseifenspender, aufgerollte Zahnpastatube. Kein Zahnputzbecher, die Bürste lag willkürlich auf der Spiegelablage. Kalkablagerungen deuteten auf unplatziertes Ablegen hin. Inhalt des Badezimmerschrankes unscheinbar. Elektrischer Trockenrasierer. Länge der Bartstummeln im Rasiererkopf verriet zweimal tägliches Rasieren. Keine Badewanne. Duschkabine. Kaum Kalkablagerungen an den Schiebetüren. Kratzspuren von zu festem Abwischen mit harter Schwammseite. Winkelbogenberechnung der Wischachse. Gebrauchshand ermittelt. Zwei Badetücher gleicher Farbe. Eines abgenutzter. Weiche Fasern beim anderen. Er prüfte anhand der Faserzusammenziehung Waschmittelart, Wasserhärtegrad, Waschmaschinengang in Zeit und Wassertemperatur. Waschmaschine fehlte. Waschkellernutzung. Die Badezimmerkacheln unscheinbar.

Der Flur.

Kommode, rahmenloser Spiegel, Garderobenleiste. Schnurloses Festnetztelefon. Kein Anrufbeantworter. Kratzer von Wohnungsschlüssel auf Kommodenplatte. Er holte aus der Jackenaußentasche den Wohnungsschlüssel hervor und verglich die Schlüsselbartabnutzung mit den Kratzspuren. Er deutete die übliche Verweildauer. Wie lange der Schlüssel innerhalb der Wohnung aufbewahrt wurde und daraus schlußfolgernd wie lange sich der Schlüsselbesitzer außerhalb der Wohnung aufhielt. Er prüfte mittels Schloß der Wohnungstür gegen.

Ausgang.

Er verließ nun die Wohnung. Zog die Tür sorgfältig zu und sperrte sie mittels des mitgebrachten Schlüssels zweimal ab. Er holte aus seiner Gesäßtasche einen Aufkleber hervor, klebte diesen auf die Fuge zwischen Wohnungstür und Zarge, unterschrieb diesen, versehen mittels Datum, Ort und Namen: TATORT, SPURENSICHERUNG. Nicht betreten!

Er suchte seinen Dienstausweis und hielt diesen vor das Namensschild der Klingel: Beide Namen stimmten überein. Unscheinbar. Er entfernte das Namensschild, steckte es in den Ausweisschuber, verließ den Tatort und vergewisserte sich, daß er keine Spuren hinterließ.





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Berichte aus Liliput


Abreise


Es gab Probleme – nicht mit dem Taxi, der Verlust ließ sich verschmerzen, aus Sicht des Esels ließ sich der Verlust verschmerzen, Lust, irgendetwas anderes ziehen zu wollen, außer seine Schnute, ließ sich von hier oben nicht erkennen, bestimmt kein Taxi – mit der Abreise. Mit der nun auch wieder nicht. Mit dem Getrampel. Der Esel prasselte die Überreste des Taxis in den Staub. Mit dem nun auch wieder nicht. Mit der Spur der Verwüstung. Mimimi, wohl die Sprache der Kleinheimischen, bedachte dies mit Worten. Mit diesen dann nun wirklich nicht. Die ließen sich ohne HÖRGERÄT nicht hören. Nein, mit dem von P.

Nachdem nun mit P alles in Ordnung schien – der hatte abgewinkt, wohl, um einen neuen Höllenritt heranzuwinken, war er, wie sich herausstellte, der Taxifahrer der Kutsche, P sein voller Name, und für Liliputaner war das schon ein mehr als merkwürdig langer Name, inklusive Vor- und Zuname, war er, P, nun wütend, machte man ihm, bäh, untenrum den Vorwurf, das Taxi alkoholisiert geführt zu haben, und aus Hohn wurde ihm obendrein noch gekündigt, gab man mir mit der Bitte des Auf Wiedersehns zu verstehen, meinen Aufenthalt doch zu loben, was ich versprach –, stand nun meiner Abreise – so glaubte ich – aus dem Großherzugtum Liliput nichts mehr im Wege. Stand auch wirklich nichts mehr.

Man packte mir noch ein Geschenk für die Rückreise ein, ahnte schon den Inhalt, versprach mehr aus einstudierter Höflichkeit als aus Höflichkeit auch dieses zu loben und machte mich, ob verlegen – dazu später mehr – unter einstudiertem Mimimi auf den Weg. Und, als ob ich es schon ahnte, nagte ein Zicklein an meinem Gewissen, ein Picklein, ein klitzekleines Ticklein, nein, ein Zicklein nagte an der Hornhaut meines KLEINEN OTTOS, wirklich, und versah sich wohl an der Wiese, besah meinen NAGEL, und meine Hornhaut hatte tatsächlich Grünspan angesetzt, wohl des feuchten Klimas wegen, und fraß, und brachte mich zum Umdenken, zum Umlenken meines Verabschiedens, brachte Brachliegendes zum Vorschein, Freundlichkeit war es nicht, so etwas gehörte sich nicht, Höflichkeit war nie um eine Ausrede verlegen, um, ja, das war es wohl, was lange brach lag auf dem Acker eines RIESEN, Verlegenheit war das WORT, und aus Verlegenheit, mich nicht richtig, nicht wirklich richtig zuvorkommend von diesem wunderlichen Ländchen verabschiedet zu haben, kramte ich aus Verlegenheit aus meiner Kulturtasche, die ich immer bei mir am Körper trug, und kramte, und wollte nicht so recht, und kramte, und fand sich nicht so leicht zwischen all den Sachen, die ein RIESENMANN so für’s Reisen benötigte – Nagelpfeile, Deo-Spray, Lupe, komplexe Lösungen für den Alltag –, mein HÖRGERÄT heraus, in der Form einer Trompete, um dem Mimimi des Winke-Winke noch ein Tränchen des Abschieds zu entlocken, das WEICHE HERZ eines RIESEN brach, zumindest Bahn, und – das sollte mir noch bei den Verwünschungen der wundersamem, in Eintracht versammelten Bevölkung Probleme bereiten – rutschte es mir nun aus Verlegenheit aus verschwitzten HÄNDEN. Ups. Kein Mimimi mehr. Der Gedanke zählte. 

Und das Geschenk? Ach, das war nicht weiter wichtig. Ich leitete das gewissenhaft an meine Behörde weiter. Das Geschenkeverteilungsgesetz verbot, Geschenke an RIESEN im diplomatischen Dienst auf Dienstreise anzunehmen.

Wie ich hörte, ploppte es sich aus der Verpackung: Ein Fesselballönchen. Aber mein HÖRGERÄT hatte ich ja leider schon im Großherzogtum Liliput verschludert. Wie ungeschickt von mir. 




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