Stattdessen suchte er in den Pflanzentöpfen weiter.
Die Erde war feucht, also lag es nahe, daß man sie nicht vergessen hatte. Er
roch an seinem Finger. Kein Dünger. Er nahm sich alle Töpfe vor, dann
vergewisserte er sich, daß sie alle wieder so standen, wie er sie vorgefunden
hatte. Die Fenster waren geputzt. Schlieren deuteten auf eiliges Wischen. Er
öffnete die Tür zum Balkon. Keine Stühle, keine Blumenkästen am Geländer. Nicht
mal vergessenes Gerümpel, das man sonst in den Keller stellte. Der Boden aber gefegt.
Er beugte sich über die Spuren. Feine Borstenstriche. Sie kamen in der Mitte
zusammen.
Das Wohnzimmer.
Keine Zeitschriften, keine Kataloge. Der Couchtisch
unscheinbar. Eine feine Staubschicht. Er strich darüber. Untersuchte die Art
des Staubes zwischen Daumen und Zeigefinger. Er entdeckte seinen Fehler. Der
Abstrich verriet, daß jemand – wenn auch
nicht er – über die Tischplatte fühlte. Er überlegte. Sah sich nach den
Regalen um, eine Schrankzeile. Er nahm sich einen Stuhl zur Hand, stellte
sicher, daß er auf diesem keine Spuren hinterließ, stieg hinauf, prüfte die
Staubschicht auf der Schrankdecke, holte einen Zettel aus der Jackentasche
hervor und schabte an der Wandseite genügend Staub ab, den er für die
Couchtischplatte benötigte. Er füllte den Fingerabstrich damit auf. Er ging
sorgfältig vor. Auch wenn eine kleine Spur sichtbar blieb. Er stellte den Stuhl
an seinen Platz. Nahm ein Taschentuch zur Hand, aus Stoff, keines aus Papier,
das Fusseln hinterließ, und wischte die Fußabdrücke von der Sitzfläche ab.
Das Schlafzimmer.
Das Bett war gemacht. Doppelbett, zwei Matratzen,
zwei Kissen, eine Decke, die beides überspannte. Eine Matratze abgenutzter. Ein
verspiegelter Kleiderschrank, keine Beistelltische, ein stummer Diener.
Kleidung unscheinbar. Sauber zusammengefaltet. Er bückte sich und schaute unter
dem Bett nach. Er machte denselben Fehler nicht zweimal und pustete leicht.
Kein Staub. Vor kurzem erst aufgesaugt. Leichter Gummiabrieb der
Staubsaugerdüse. Er prüfte den Wellenschlag der Bettdecke auf Höhe der
Bettkante. Versetztes Fasergewebe. Es deutete daraufhin in welche Richtung die
Decke gezogen wurde. Übereinstimmung mit Matratzenabnutzung. Er schritt die
Fußspuren ab, die er in den Läufer trat, stellte nach jedem Tritt zurück die
Flusen wieder so, wie sie waren.
Die Küche.
Eckbank, Küchentisch, Plastiküberwurf. Sauber
abgewischt. Tasseneinlassungen. Nur eine. Kreise. Toleranz in der Entfernung
zum Sitzplatz minimal. Er öffnete den Küchenschrank, nahm Maß, öffnete alle
anderen Schranktüren, fand Kaffee und Teebeutel in annähernd gleicher Menge. Er
berechnete die Schwere von Kaffeepartikeln und Teebeuteln bei gleichem
Wasservolumen und berücksichtigte die Tiefe der Tasseneinkerbungen im
Plastiküberwurf des Tisches. Auch Zuckergehalt und Milchanteil – Zucker und Milch standen in ausreichender
Menge bereit –, der bei beiden Getränken voneinander abwich. Der Inhalt des
Kühlschranks entsprach den üblichen Gewohnheiten. Augenfällig: keine Säfte. Der
Einfluß der Sonneneinstrahlung hatte keinen Einfluß auf den Vergilbungsgrad der
Fettablagerungen seitlich der Kochzeile. Einbauküche unscheinbar. Er schloß die
Schranktüren. Prüfte dabei die Freigängigkeit der Scharniere. Nur eines deutete
auf häufige Nutzung hin.
Das Badezimmer.
Großes Waschbecken, Flüssigseifenspender,
aufgerollte Zahnpastatube. Kein Zahnputzbecher, die Bürste lag willkürlich auf
der Spiegelablage. Kalkablagerungen deuteten auf unplatziertes Ablegen hin.
Inhalt des Badezimmerschrankes unscheinbar. Elektrischer Trockenrasierer. Länge
der Bartstummeln im Rasiererkopf verriet zweimal tägliches Rasieren. Keine
Badewanne. Duschkabine. Kaum Kalkablagerungen an den Schiebetüren. Kratzspuren
von zu festem Abwischen mit harter Schwammseite. Winkelbogenberechnung der
Wischachse. Gebrauchshand ermittelt. Zwei Badetücher gleicher Farbe. Eines
abgenutzter. Weiche Fasern beim anderen. Er prüfte anhand der
Faserzusammenziehung Waschmittelart, Wasserhärtegrad, Waschmaschinengang in
Zeit und Wassertemperatur. Waschmaschine fehlte. Waschkellernutzung. Die
Badezimmerkacheln unscheinbar.
Der Flur.
Kommode, rahmenloser Spiegel, Garderobenleiste.
Schnurloses Festnetztelefon. Kein Anrufbeantworter. Kratzer von
Wohnungsschlüssel auf Kommodenplatte. Er holte aus der Jackenaußentasche den
Wohnungsschlüssel hervor und verglich die Schlüsselbartabnutzung mit den
Kratzspuren. Er deutete die übliche Verweildauer. Wie lange der Schlüssel
innerhalb der Wohnung aufbewahrt wurde und daraus schlußfolgernd wie lange sich
der Schlüsselbesitzer außerhalb der Wohnung aufhielt. Er prüfte mittels Schloß
der Wohnungstür gegen.
Ausgang.
Er verließ nun die Wohnung. Zog die Tür sorgfältig
zu und sperrte sie mittels des mitgebrachten Schlüssels zweimal ab. Er holte
aus seiner Gesäßtasche einen Aufkleber hervor, klebte diesen auf die Fuge
zwischen Wohnungstür und Zarge, unterschrieb diesen, versehen mittels Datum,
Ort und Namen: TATORT, SPURENSICHERUNG. Nicht
betreten!
Er suchte seinen Dienstausweis und hielt diesen vor
das Namensschild der Klingel: Beide Namen stimmten überein. Unscheinbar. Er entfernte das
Namensschild, steckte es in den Ausweisschuber, verließ den Tatort und
vergewisserte sich, daß er keine Spuren hinterließ.
*