"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Dienstag, 12. August 2014

Nano-Nano


Und vielleicht war es seine Unbekümmertheit, die so einnehmend war. Seine Sicht auf die Dinge in einer fremden Welt. Setzte er sich mit dem Kopf voran auf einen Stuhl und trank mit seinem Finger Orangensaft. War Mork der Prototyp des Menschen, der keine Fragen stellte, aber alles hinterfragte. War er der Held meiner Kindheit – neben Herrn Rossi und seinem Hund Gastone.

Und tat man es ihm gleich. Setzte sich mit dem Kopf voran auf einen Stuhl und trank mit seinem Finger Orangensaft. Und berichtete an Orson, was man so auf der Welt erlebte. Und vielleicht war es seine Herzlichkeit, die berührte, die nur Menschen in Anspruch nehmen, ihr Eigen zu nennen, aber nicht von Außerirdischen erwartete.

Und quetschte sich in Spalten, in die man sich nur als kleines Kind quetschen konnte, weil man wissen wollte, was darin verborgen war. Weil man wie Mork so neugierig war und sich auch keine Gedanken machte, ob man heimlich eine Baustelle betreten sollte und dann mit dem Fuß in ein Nagelbrett trat. Und tat es nicht weh, weil Mork da war, Mama und Papa, die sich Sorgen machten, aber Mork da war, um mit seinem Lachen die Schmerzen eines Kindes ungeschehen zu machen.

Und vielleicht war er Mindy zuliebe ein besserer Mensch, besser als es Menschen je sein konnten. Als Außerirdischer. Als er aus seinem Raumschiff-Ei schlüpfte, in seiner roten Uniform mit dem silbernen Dreieck auf der Brust, und erinnerte damit nicht nur zufällig an das Superman-Kostüm – nur ohne Umhang – und tauschte diese gegen die noch lächerlichere Weste mit den bunten Streifen. Und war er dadurch stärker als alle Super-Helden der Welt. Ein kleiner Mann gegen die Villains im Village, Nano-Nano seine Superkraft.

War Mork vielleicht für Robin nur eine Rolle, und die schwerste Rolle war vielleicht sein Leben – oder wie Garp es sagen würde: „Ich fliege…“ –, für mich als Kind war es mehr. Werde mich heute vielleicht mit dem Kopf voran auf das Sofa setzen und mit dem Finger aus einem Glas Orangensaft trinken. Und vielleicht findet sich ja noch eine Spalte, in die ich mich quetschen kann.

Mork ruft Orson, Mork ruft Orson…“


Kein Nano-Nano mehr.




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(Robin Williams, 1951-2014)



Montag, 11. August 2014

Spurensicherung


Stattdessen suchte er in den Pflanzentöpfen weiter. Die Erde war feucht, also lag es nahe, daß man sie nicht vergessen hatte. Er roch an seinem Finger. Kein Dünger. Er nahm sich alle Töpfe vor, dann vergewisserte er sich, daß sie alle wieder so standen, wie er sie vorgefunden hatte. Die Fenster waren geputzt. Schlieren deuteten auf eiliges Wischen. Er öffnete die Tür zum Balkon. Keine Stühle, keine Blumenkästen am Geländer. Nicht mal vergessenes Gerümpel, das man sonst in den Keller stellte. Der Boden aber gefegt. Er beugte sich über die Spuren. Feine Borstenstriche. Sie kamen in der Mitte zusammen.

Das Wohnzimmer.

Keine Zeitschriften, keine Kataloge. Der Couchtisch unscheinbar. Eine feine Staubschicht. Er strich darüber. Untersuchte die Art des Staubes zwischen Daumen und Zeigefinger. Er entdeckte seinen Fehler. Der Abstrich verriet, daß jemand – wenn auch nicht er – über die Tischplatte fühlte. Er überlegte. Sah sich nach den Regalen um, eine Schrankzeile. Er nahm sich einen Stuhl zur Hand, stellte sicher, daß er auf diesem keine Spuren hinterließ, stieg hinauf, prüfte die Staubschicht auf der Schrankdecke, holte einen Zettel aus der Jackentasche hervor und schabte an der Wandseite genügend Staub ab, den er für die Couchtischplatte benötigte. Er füllte den Fingerabstrich damit auf. Er ging sorgfältig vor. Auch wenn eine kleine Spur sichtbar blieb. Er stellte den Stuhl an seinen Platz. Nahm ein Taschentuch zur Hand, aus Stoff, keines aus Papier, das Fusseln hinterließ, und wischte die Fußabdrücke von der Sitzfläche ab.

Das Schlafzimmer.

Das Bett war gemacht. Doppelbett, zwei Matratzen, zwei Kissen, eine Decke, die beides überspannte. Eine Matratze abgenutzter. Ein verspiegelter Kleiderschrank, keine Beistelltische, ein stummer Diener. Kleidung unscheinbar. Sauber zusammengefaltet. Er bückte sich und schaute unter dem Bett nach. Er machte denselben Fehler nicht zweimal und pustete leicht. Kein Staub. Vor kurzem erst aufgesaugt. Leichter Gummiabrieb der Staubsaugerdüse. Er prüfte den Wellenschlag der Bettdecke auf Höhe der Bettkante. Versetztes Fasergewebe. Es deutete daraufhin in welche Richtung die Decke gezogen wurde. Übereinstimmung mit Matratzenabnutzung. Er schritt die Fußspuren ab, die er in den Läufer trat, stellte nach jedem Tritt zurück die Flusen wieder so, wie sie waren.

Die Küche.

Eckbank, Küchentisch, Plastiküberwurf. Sauber abgewischt. Tasseneinlassungen. Nur eine. Kreise. Toleranz in der Entfernung zum Sitzplatz minimal. Er öffnete den Küchenschrank, nahm Maß, öffnete alle anderen Schranktüren, fand Kaffee und Teebeutel in annähernd gleicher Menge. Er berechnete die Schwere von Kaffeepartikeln und Teebeuteln bei gleichem Wasservolumen und berücksichtigte die Tiefe der Tasseneinkerbungen im Plastiküberwurf des Tisches. Auch Zuckergehalt und Milchanteil – Zucker und Milch standen in ausreichender Menge bereit –, der bei beiden Getränken voneinander abwich. Der Inhalt des Kühlschranks entsprach den üblichen Gewohnheiten. Augenfällig: keine Säfte. Der Einfluß der Sonneneinstrahlung hatte keinen Einfluß auf den Vergilbungsgrad der Fettablagerungen seitlich der Kochzeile. Einbauküche unscheinbar. Er schloß die Schranktüren. Prüfte dabei die Freigängigkeit der Scharniere. Nur eines deutete auf häufige Nutzung hin.

Das Badezimmer.

Großes Waschbecken, Flüssigseifenspender, aufgerollte Zahnpastatube. Kein Zahnputzbecher, die Bürste lag willkürlich auf der Spiegelablage. Kalkablagerungen deuteten auf unplatziertes Ablegen hin. Inhalt des Badezimmerschrankes unscheinbar. Elektrischer Trockenrasierer. Länge der Bartstummeln im Rasiererkopf verriet zweimal tägliches Rasieren. Keine Badewanne. Duschkabine. Kaum Kalkablagerungen an den Schiebetüren. Kratzspuren von zu festem Abwischen mit harter Schwammseite. Winkelbogenberechnung der Wischachse. Gebrauchshand ermittelt. Zwei Badetücher gleicher Farbe. Eines abgenutzter. Weiche Fasern beim anderen. Er prüfte anhand der Faserzusammenziehung Waschmittelart, Wasserhärtegrad, Waschmaschinengang in Zeit und Wassertemperatur. Waschmaschine fehlte. Waschkellernutzung. Die Badezimmerkacheln unscheinbar.

Der Flur.

Kommode, rahmenloser Spiegel, Garderobenleiste. Schnurloses Festnetztelefon. Kein Anrufbeantworter. Kratzer von Wohnungsschlüssel auf Kommodenplatte. Er holte aus der Jackenaußentasche den Wohnungsschlüssel hervor und verglich die Schlüsselbartabnutzung mit den Kratzspuren. Er deutete die übliche Verweildauer. Wie lange der Schlüssel innerhalb der Wohnung aufbewahrt wurde und daraus schlußfolgernd wie lange sich der Schlüsselbesitzer außerhalb der Wohnung aufhielt. Er prüfte mittels Schloß der Wohnungstür gegen.

Ausgang.

Er verließ nun die Wohnung. Zog die Tür sorgfältig zu und sperrte sie mittels des mitgebrachten Schlüssels zweimal ab. Er holte aus seiner Gesäßtasche einen Aufkleber hervor, klebte diesen auf die Fuge zwischen Wohnungstür und Zarge, unterschrieb diesen, versehen mittels Datum, Ort und Namen: TATORT, SPURENSICHERUNG. Nicht betreten!

Er suchte seinen Dienstausweis und hielt diesen vor das Namensschild der Klingel: Beide Namen stimmten überein. Unscheinbar. Er entfernte das Namensschild, steckte es in den Ausweisschuber, verließ den Tatort und vergewisserte sich, daß er keine Spuren hinterließ.





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