"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Dienstag, 19. August 2014

Die peinlichsten Fragen der Inquisition


Nun, wer auf die Idee kam, die Inquisition peinlich zu befragen, ließ sich im Nachhinein nicht mehr beantworten. Hier folgt nun ein kleiner Auszug.


Die Inquisition war vertreten durch einen leicht nach vorne gebeugten Mann, der sein Leben lang nach vorne gebeugt ging. Vielleicht um Demut vorzugeben bei seinen Gängen. Oder – und das war wahrscheinlicher –, weil sein Aktenkoffer mit all den Unterlagen ihn aus dem Gleichgewichte zu rutschen drohte bei jedem Schritt. Der erste an diesem Tage, der diesen Mann grüßte, sagte „Guten Tag“ und bekam eine Antwort als Frage, die der Inquisitor – oder heißt es Inquestor? – zu fragen beliebte: „Darüber entscheidet der liebe Gott.“

Nur Punkt. Kein Ausrufungszeichen. Kein Fragezeichen. Nur gesäuselt. Der Inquisitor war es gewohnt zu säuseln. Seine Fragen zu säuseln. Seine Antworten schwieg er. Er antwortete selten in seinem vorgebeugten Leben. Aber vielleicht antwortete er nur anders. Seiner Aktentasche vielleicht. Der sicherlich. Sicherlich hatte er sie nicht selbst ausgewählt. Art und Zweck, der sie zu entsprechen hatte sicherlich schon. Aber sicherlich nicht selbst aus der Starre eines Aktenkofferlebens eines Aktenkofferladens in die geschmeidigen Hände eines Inquisitors gezahlt und gelegt. Dafür gab es Fragen. Fragen, die der Inquisitor anderen stellte. „Passen die Unterlagen hinein? Erfüllt die Pein ihren Zweck? Ist von einem Ende der Befragung durch den lieben Gott auszugehen? Woran erkennt man den lieben Gott in seiner Güte beim Eingreifen in die peinliche Befragung und mit welcher Fußnote ist solches zu versehen?“ Lakaien besorgten die Aktentasche.

Der zweite Mensch, dem der Inquisitor heute begegnete, war eine Frau, die mit vollen Einkaufstaschen ihren Autoschlüssel aus der umgeworfenen, übergroßen Handtasche, die jetzt modern waren, jonglierte. Einkaufstaschen, Inhalt und Flüche rutschten vom Unterarm, Tomaten rollten auf den Inquisitor zu: Eins, zwei, drei, vier. Eine Fünfte blieb unschlüssig.

„Scheiße!“ Stauchte die Frau die Einkaufstüten zusammen. Die sich so auch zusammenfalteten. „Muß das gerade jetzt passieren?!“ Während sie die Dinge aufsammelte und in die Tüten stopfte, tippte sie aus Versehen ihren Autoschlüssel an – ein eitles Möök-Möök und das Aufblinken der Blinker eines Autos in der Nähe waren zu vernehmen und zu beobachten. Der Inquisitor half der Frau bei den Tüten nicht, bei ihrer Frage beim Vorübergehen allerdings schon, indem er seine Antwort als Frage stellte, die der Inquisitor – oder heißt es Inquestor? – zu fragen beliebte: „Darüber entscheidet der liebe Gott.“

Nur Punkt. Kein Ausrufungszeichen. Kein Fragezeichen. Nur gesäuselt. Der Inquisitor war es gewohnt zu säuseln. Seine Fragen zu säuseln. Seine Antworten schwieg er. Er nahm den Schwung seiner Aktentasche auf, die weiterschwang, als er kurz innehalten mußte wegen dem Zwischenfall mit der Frau, stand weiter vorgebeugt in Haltung auch so und ging weiter.

Durch die Gassen einer Stadt kam er einem Ziel näher. Er fand einen Hauseingang. Eine zweiflügelige Kassettentür, ein Klingelschild. Messing. Schöne Schrift. Auf dem Namensschild stand:

Der Liebe Gott

Der Inquisitor befahl seine Aktentasche aus dem Handgelenk in die Achselhöhle seines anderen Armes. Er öffnete die Lasche, den Zungendeckel, kramte. Er feuchtete die Finger an und fischte eine Akte heraus, daraus wiederum ein, zwei Blätter. Er verglich Anschrift und Namen. Der Inquisitor überprüfte beides, er gab seinem vorgebeugten Nacken einen Ruck ins unmerklich Gerade, dann klingelte er.

„Der liebe Gott.“

Nur Punkt. Kein Ausrufungszeichen. Kein Fragezeichen. Nur gesäuselt.

Nach einer Weile antwortete die Gegensprechanlage.

„Herein.“

Nur Punkt. Kein Ausrufungszeichen. Kein Fragezeichen. Nur gesäuselt.


Der Liebe Gott war es gewohnt, nur zu säuseln.







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Montag, 18. August 2014

Als Michael


Als Michael seine Wege schritt – die Launen eines heißen Sommers entließen ein fröhliches Wanderpfeifen aus seinem Munde – traf er auf einen alten Mann mit weißen Haaren, der auf einem Esel ritt und mit der Rute vorwärts schlug. Und Michael ermahnte den alten Mann mit den weißen Haaren, den Esel nicht mit der Rute zu schlagen, weil der ja schon seine Last trage. Doch weil der alte Mann mit den weißen Haaren sich nicht ermahnen ließ – die Launen eines heißen Sommers entließen ein grimmiges Fluchen aus seinem Munde –, bewirkte Michael bloß mit der Handbewegung, die er machte, daß der Esel nun auf den Schultern des alten Mannes mit den weißen Haaren ritt und ihn mit der Rute vorwärts schlug.

Als Michael seine Wege weiter schritt – die Launen eines neuen Tages entließen ein fröhliches Wanderpfeifen aus seinem Munde – traf er wieder auf den alten Mann mit den weißen Haaren, der auf einem Knechte ritt – der Esel kam ihm ja abhanden – und mit der Rute vorwärts schlug. Und Michael ermahnte den alten Mann mit den weißen Haaren, den Knecht nicht mit der Rute zu schlagen, weil der ja schon seine Last trage. Doch weil der alte Mann mit den weißen Haaren sich nicht ermahnen ließ – die Launen eines neuen Tages entließen ein grimmiges Fluchen aus seinem Munde –, bewirkte Michael bloß mit der Handbewegung, die er machte, daß der Knecht nun auf den Schultern des alten Mannes mit den weißen Haaren ritt und ihn mit der Rute vorwärts schlug.

Als Michael seine Wege immer weiter schritt – die Launen einer neuen Woche entließen ein fröhliches Wanderpfeifen aus seinem Munde – traf er wieder auf den alten Mann mit den weißen Haaren, der auf einem Weibe ritt – der Knecht kam ihm ja abhanden – und mit der Rute vorwärts schlug. Und Michael ermahnte den alten Mann mit den weißen Haaren, das Weib nicht mit der Rute zu schlagen, weil das ja schon seine Last trage. Doch weil der alte Mann mit den weißen Haaren sich nicht ermahnen ließ – die Launen einer neuen Woche entließen ein grimmiges Fluchen –, bewirkte Michael bloß mit der Handbewegung, die er machte, daß das Weib nun auf den Schultern des alten Mannes mit den weißen Haaren ritt und ihn mit der Rute vorwärts schlug.

Als Michael seine Wege noch immer weiter schritt – die Launen eines neuen Monats entließen ein fröhliches Wanderpfeifen aus seinem Munde – traf er wieder auf den alten Mann mit den weißen Haaren, der auf seinen Beinen lief – das Weib kam ihm ja abhanden – und diese mit der Rute vorwärts schlug. Und Michael ermahnte den alten Mann mit den weißen Haaren, die Beine nicht mit der Rute zu schlagen, weil die ja schon seine Last trugen. Doch weil der alte Mann mit den weißen Haaren sich nicht ermahnen ließ – die Launen eines neuen Monats entließen ein grimmiges Fluchen –, bewirkte Michael bloß mit der Handbewegung, die er machte, daß die Beine nun auf den Schultern des alten Mannes mit den weißen Haaren waren, die Rute aber beließ er in seinen Händen als Mahnung.

Als Michael an dem alten Mann mit den weißen Haaren vorüberschritt, ließ er ihn am Wegesrand zurück, die Beine auf den Schultern, diese mit der Rute schlagend – die Launen seiner Wege entließen ein grimmiges Fluchen –, mit den Worten – die Beine kamen ihm ja abhanden:


„Keiner trage des anderen Last. Soweit Dich deine Rute bringt.“







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