"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Dienstag, 9. September 2014

Mama Ba’aku weint nicht


Zwei Linien. Nur.

Sand. Sind Parallelen.

Das einzige, was Du siehst.


Unendlich sind die beiden Linien im Sand.

Linien.

Wichtig ist nur, in welcher Richtung man den Linien im Sand folgt.


Wir stellen sie uns von Osten vor.

Als Spuren. In die Wüste geschrieben von Autoreifen.

Von einem fernen Horizont zum nächsten. Diese Linien hier sind krumm.


Sie folgen der Krümmung der Erde. Das bleibt das einzig sichere.

Wir kommen heran. 

Näher...


Noch ein wenig, bis wir erkennen können.

Sand.

Sehen die Spuren nun vom Boden aus. Das ist wichtig.


Wir blicken in beide Richtungen.

Um uns die Wahl zu erschweren, erinnern noch Staubfahnen zu beiden Horizonten an das, was war.

Oder das, was gleich kommen wird.

Staubfahnen zu beiden Seiten in der Ferne.

Am Rande.

Darauf kommt es nun an. Nun.

Da.

Kaum drei Meter von den Spuren entfernt.

Da hockt Mama Ba'aku.

Und Opinga liegt am Boden.



Mama Ba'aku weint nicht




Mama Ba'aku weint nicht. Sie sagte:

Opinga, weine nicht. Weine nicht, weine nicht. Opinga, weine nicht. Weine, wenn wir nach Jûbâ kommen. Weine dort. Hier nicht. Weine nicht hier. Hier ist nicht dort. Opinga.
Ich zeige dir große Schweine, die im Fluß baden. Du kennst Schweine nicht? Stell‘ sie Dir als dicke Pferde vor. Die zeige ich Dir. Die zeige ich Dir nicht hier, dort, bleibe hier. Weine nicht hier.
Wenn wir nach Jûbâ kommen...

Wenn wir nach Jûbâ kommen, zeige ich Dir Vögel, die aus Brautschmuck Umhang tragen wie Röte am ersten Morgen nach der Hochzeitsnacht, und im seichten Wasser schlafen, auf einem Bein. Opinga, dort.

Dort zeige ich dir den Grund, warum wir hier sind. Warum wir nicht fort sind. Opinga, weine nicht, weine nicht hier. Zeige es nicht. Bleibe mir.“ 

Die Arme auf der schmalen Brust gekreuzt. Lag Opinga auf dem Rücken. Auf schwarzen Händen atmete der Wüstensand gegen. In weißer Wolle, zweimal umschlungen, auf kräftigem Boden. Lag Opinga.

Mit schwarzer Röte gestreichelt vom Willkommen im Gesicht – groß wie Baobab, die Krone, im Vergleich zum Stamm, der Kopf –, ein Geräusch in beiden Augen – Jûbâ.

Die Flußpferde, die Pelikane. Im weiten Himmel blau davor...

Mama Ba'aku hockte neben ihr, eine schmale Ziege neckte an der Schnur. Ans Armgelenk gebunden.
Eine Schüssel, ein Schöpflöffel. Auf den Füßen. In den Kniekehlen eingeknickt. Eine Hand hielt ihre Tracht gegen die Beuge, gegen die Zicke, die andere malte Linien im Sand.
Weiße Zähne wie Diamanten des Lebens. Die Haut spannte, fehlte dort, wo sie sprach, um sie zu schließen. Eingefallene Wangen, harte Knochen.
Schatten. Schwarzer Lidschatten. Die Sonne spielte die Wimpern in den Sand.

Mama Ba'aku weint nicht. Sie sagte:

Opinga, weine nicht. Weine nicht, weine nicht. Opinga, weine nicht, trauere nicht um mich. Ich bleibe hier.
Ich reibe Dich mit Ziegenmilch ein, ich habe sie eben noch gemolken. Als Du dich hingelegt hast. Dort.
Du sollst schön sein, Deine Haut zart, wenn du dich auf die Reise nach Jûbâ machst. Sei höflich. Wie ich es Dir gesagt habe.
Ich komme nach. Zu denen, die Du triffst. Sie erzählen von Dir, je nachdem, wie Du mit ihnen sprichst. Opinga.

Opinga, weine nicht, weine nicht, ich weine für Dich.“

Mama Ba'aku griff zum Schöpflöffel, die Ziege zog an der Schnur. Sie meckerte. Vergebens. Sie schlug in die kleine hölzerne Schüssel hinein, als wollte sie Rahm schlagen, kreisrund, schöpfte sie, bis sich doch noch eine Pfütze sammelte, riß die Milch heraus, mit einem Ruck, weil sich auch die Ziege wehrte, schüttete sie über die eigene Sanddornhand und verrieb sie gleich mit heller Fläche über das Gesicht, als wusch sie die Tochter für den Morgen.

Wie jeden Morgen. In den vier Morgenjahren zuvor. Vor der Hütte aus Zweigen. Wände aus Lehm. Hände aus Angenehm.
Und neckte die Ziege mit Steinen. Die davor angepflockt war. Band sie später Opinga an. An denselben Pflock der Ziege.
Damit sie nicht in die offene Wüste lief, seitdem sie laufen konnte.
Wusch ihr das Gesicht, mit Wasser und Seife, die krausen Haare, wie Milch. An jedem Morgen. Nur Opinga verzog ihres heute nicht.

„Weine nicht.“

Lag auf der Erde, hartem Sand.

„Ich weine für Dich.“  

Boden. Wie Ferne in der Nähe.

„Ich bleibe für Dich.“

In Totemgewand. In weißem Schal.

„Bleibe ich nicht für mich.“

War Opinga tot.

Gab ihr drittes Kind.


Mama Ba'aku weint nicht. Sie sagte:

Opinga. Opinga, ich erzähle dir von den Kamelen. Ich erzähle Dir ihre Geschichte. Sie beginnt mit der Wüste. Sie beginnt nicht hier. Sie beginnt mit den Bullen...

Verstoßen ziehen sie in Junggesellenherden durch die Savanne. Sie wandern am Rande der Wüste. ‚Savanne‘ ist ein Wort aus dem Norden. Den Tag und die Nacht. Von Osten, wo sie vor Gott aufgeht, bis Westen, wo sie sich in ein Feld aus Sandkörnern niederlegt, um sich vom Tag zu reinigen. Streift sich die verbrannte Haut ab und reibt sich mit Ziegenmilch ein. Um sich schön zu machen. Für den Morgen.
Taucht bei Morgenröte schnell ins Wasser der Wüste ein – sie muß sich beeilen – im Osten und macht sich ein zweites Mal rein. Für ihren Ehemann.
Wegen dem Geliebten, wegen dem sie sich im Sande reibte. Dem im Westen.

Und sie badete. Zweimal am Tage. Und zweimal in der Nacht, im Sande.“

Mama Ba'aku lachte.

Zähne wie Diamanten. Die Haut spannte, fehlte dort, wo sie sprach. Eingefallene Wangen, harte Knochen. Leise strich sie über das Kinderhaar. Kraus.
Wie weich es war. 

Mama Ba'aku wischte den Rest der Milch übers Engelsgesicht. Opinga glänzte in dem Licht.

Mama Ba'aku weint nicht.

„Jûbâ.“

Und sie sagte es so, als wäre es das Leben.

„Jûbâ.“

Mama Ba'aku legte ihr die Silben auf den Mund.
Sie küßte ihn. Zwei volle Augen, Geräusche darin verborgen.
Zwei volle Lippen, Stupsnase, heller Zipfel, Naseweis, viel zu klein für eine Nase im Wüstenkleid, große Stirn.
Keine Zeit für Falten.
Und dieser Kinderkopf wie Baobab, der Stamm im Vergleich zur Krone.

Opinga...

Opinga, ich erzähle Dir von den Kamelen, von den Trampeltieren. Den Dromedaren. Sie wehren sich nicht. Die Kühe nicht. Ich erzähle Dir von ihrem Schicksal.

Am Rande der Savanne. Schicksal. Dieses Wort stammt nicht aus dem Norden. Stammt von überall her... hörst Du die Silben...
Du erkennst sie an den Höckern, die Kamele und die Dromedare. Du mußt sie zählen. Ich zähle sie für Dich...
Treffen die Trampeltiere dann auf eine Kuh am Rande der Oase, umringen sie diese und treiben sie in die Wüste.
Und schäumen sich in Rage. Treffen sie am Tage, schneiden ihr den Weg ab, reiben sich bis zum Abend, von allen Seiten, stoßen und beißen sie und treten sie und bedrängen sie und trampeln sie.
Und schäumen sich in Rage. Bis sie müde ist. Vom Wehren. Je mehr Widerstand sie gibt. Am Ende ihrer Kräfte. Besteigen die Kamele die Kuh. Einer nach dem anderen, nach dem anderen.

Einer nach dem. Opinga...

Opinga, weine nicht. Wir sind alle Kinder der Savanne. Wir sind alle Kinder der Sonne. Sind alle Kinder der Wüste. Sind alle Kinder der Worte.
Vom Sand und der Sehnsucht nach Jûbâ.

Opinga, meine geliebte Opinga. Opinga, Opinga...
Deshalb bleiben wir hier. Wir sind alle Kamele.
Wir unterscheiden uns nur in der Anzahl der Höcker.“

Mama Ba'aku zog das Kopftuch ins Gesicht.
Beträufelte die Stelle – die Stupsnase, viel zu klein für eine Wüstennase – mit der letzten Milch, die sie den Sanddornfinger abwrang.

Dann stand sie auf.

Überging den Schmerz in den Kniekehlen, ordnete ihr Kleid nach der Richtung im Wind. Die Ziege zog sich heran.
Folgte den Spuren kaum drei Meter entfernt – zwei Linien nur, Sand, sind Parallelen, in die Wüste geschrieben von Autoreifen – und der Bogenlampe der Sonne zu ihrem heimlichen Geliebten, oder doch zum Ehemann.

Wählte.

Zwei Staubfahnen zu beiden Seiten in der Ferne. In entgegengesetzter Ortung.

Ging los, stramm. Die Ziege am Armgelenk.

Schwarze Schatten von verbrannten Hütten im Rücken.

Ließ Opinga auf dem ausgedörrten Boden liegen. In Jûbâ.

Und drehte sich nie mehr um.


Mama Ba'aku weint nicht.





*




Zwei Linien. Nur.

Sand. Sind Parallelen.

Das einzige, was Du siehst.





Montag, 8. September 2014

Man begehrt, was man sieht


Vielleicht sollte man sich die Frage stellen, ob das, was man sieht, nicht besser unbeachtet bleiben sollte, wenn man unscheinbar durch die Welt der Sehenden wandert. Sollte man sich der Frage stellen, in beobachteten Momenten sich die Zurückhaltung aufzuerlegen, die nötig ist, um scheinbar angesehen zu werden, damit das Betrachtet-Sein nicht in unbemerkt sein umschlägt. Sollte man sich vergewissern, daß alles, was so vor den eigenen Augen erscheint, nicht mit den Erwartungen seiner Vorstellung spielt.

Und so kam es, daß wir uns wieder in diesem Bus fanden. Nicht mit Absicht. Unvorhersehbar. Nur ein bißchen dem Umstand geschuldet, daß der Zufall ein Handel mit dem Losverfahren einging, das Menschen miteinander zusammenfügt oder eben nicht. Schicksal könnte man das nennen. Oder Vorsehung. Ich nenne es Fügung. Daß zwei Menschen ein Ticket lösten, zur selben Zeit, um eben diesen Bus zu nehmen, der sie woanders hinbringen sollte, als von dort, wo man sich verabschiedete. Und nun war es wieder weniger der Absicht geschuldet, etwas zu erwarten. Irgendetwas, als das, was man von einem Bus so erwartete, der Menschen am frühen Morgen zu den Orten brachte, die man sich mitunter nicht aussuchte, um am frühen Morgen von den Orten wegzukommen, von denen man nicht wegkommen wollte. Ums Ankommen ging es nicht. Nur ums Verbringen. War der Weg keinem Ziel untergeordnet. Nur Stadium zwischen zwei Tagen. Von Zuhause zu den Orten, die man nicht Zuhause nannte. Was schon eine Unterscheidung war.

Und in dieser Unterscheidung war es wichtig, daß man sich beachtete. Daß man sich vorher – und das war wohl entscheidender – bemerkte. Gab es in diesem Bus noch andere Menschen, die man so gelassen an sich heranließ, so nah, als wären es die eigenen Möbel. Aber nicht in der Vorstellung in sein Zuhause ließ, sie auch dort hineinzustellen. Und da gab es diese zwei Menschen nun, die durch ihr gegenseitiges Bemerken, genau dieses in Erwägung brachten. Waren Sitzreihen dazwischen. Doch saß man sich schon gegenüber, in der Vorstellung eines Zuhauses, weil man sich Nähe erwarb durch das bloße Erblicken. Und je mehr man etwas erblickt, so erscheint das Gegenüber weniger entrückt. War, als man sich bemerkte, schon die Nähe greifbar, die man seinem Sitznachbar nicht entgegenbrachte, auch wenn der näher an dem Menschen saß, sich aber wegvorstellte, weil man nicht in der Nähe dieses Sitznachbars sein wollte, wenn man am frühen Morgen keine Berührungen zulassen konnte. Beachtete man diese nicht und waren vor dem Auge gleich den leeren Sitzreihen, die nur mit anderer Farbe bestuhlt waren. Also nicht vorhanden. Saßen diese zwei Menschen also alleine im Bus, der sie für die Dauer einer Fahrtstrecke zusammenfügte. Nicht mal der Busfahrer war anwesend, fuhr der Bus wie von Geisterhand. Und wenn man es sich genau überlegte, war auch der Bus nicht mehr vorhanden. Ging es nur um diese Augenblicke, die man miteinander während einer Busfahrt teilte.

Wäre es anders, wenn das Beachten nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Wäre dieser Mensch zwar aufgefallen, doch dann in der inneren Vorstellung schon wieder unbemerkt. Wie man sich an schönen Dingen erfreute, wenn man sie erblickt, sie einen aber nicht. Erfreute man sich so auch an schönen Blumen. Befanden sie sich aber in anderen als den eigenen Händen, so erfreute man sich zwar, daß es sie gab, aber nicht für den Zweck, der ein Ich zu einem Sein machte. Gab das Erblicken dieser zwei Menschen mehr her, so daß man sich diesen Blumenstrauß nun teilte. Vielleicht erwägten die Hände, ihn entgegen zu nehmen oder ihn zu schenken. War man sich dabei noch unschlüssig, wo der nun auf einmal herkam, und was er bezweckte. Und war es ein schlechtes Bild, nun von einem Blumenstrauß zu sprechen. Weil es um diesen gar nicht ging. Und in den Sitzreihen des Busses auch keiner vorzufinden war. Und wollte man auch gar nicht etwas entgegen nehmen oder geben. Ging es nur um das Sehen, was man in einem anderen Menschen sah, als man sich bemerkte.

Aber weil man sich sah und weil man sich nur für die Dauer einer Fahrtstrecke sah, stellte man sich die Fahrtstrecke schon am nächsten Morgen vor. Wie man sich dann in die Augen blickte. Wie man betrachtet wurde. Wie man selber sah. Und was daraus werden sollte, wenn es Möglichkeiten gäbe, in einem Bus am frühen Morgen, der einen von Zuhause zu den Orten verbrachte, die nicht das Zuhause waren, sich mehr als anzuschauen. Gab es bessere Orte für Worte, als ein Bus am frühen Morgen. Noch dazu, wenn die Zeit zwischen den Bushaltestellen drängte. Sprach man sich also nicht an. Führte diese Gespräche nur im Verborgenen mit sich selbst weiter. Und spürte, daß der andere Mensch das auch tat. Gab es also einen Umstand, der einen zusammenfügte, und einen Umstand, der trennte. Aus ein und demselben Grunde. Beide Umstände dem geschuldet, daß der Zufall ein Handel mit dem Losverfahren einging, das Menschen miteinander zusammenfügte oder eben nicht. Daß zwei Menschen ein Ticket lösten, zur selben Zeit, um eben diesen Bus zu nehmen, der sie woanders hinbringen sollte.

Man begehrt, was man sieht.

Sah man sich an jedem Tag. Und schaute sich in die Augen.





*





Sieht man sich nicht, so begehrt man auch nicht.


Das gilt auch für Autos, Mode oder Menschen.



Also für alle entbehrlichen Dinge.