"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Samstag, 13. September 2014

Boys of Summer – Angeln mit Kalashnikow


„Jürgen, Du mußt das locker nehmen. Hier.“
Sonnengolden klackerten die Welten aneinander. Am Seegrund. Zwei Männer lagen in ihrer Ausgangslage.
„Prost!
Jürgen ließ die Hand von seiner Angel.
„Ich weiß... Ich! Weiß!“ Er saugte. „Ich weiß...“
„Wie lange... ist es jetzt her? Zwei, drei Wochen?“
„Zwei.“ Dann schluckte er beides. Schaum und Wissen herunter. Eines von beiden kam in die falsche Röhre.
„...ich weiß...“

Die Angeln erinnerten ihn an gespreizte Kalashnikows im Liegen. Zum Vau ausgeklappte Stützen zum Schießen. In den Bergen. Aus seiner Zeit noch aus Afghanistan. Als er diese Reportage schrieb, die ihm die Türen öffnete. Mit ‚Knopp’, seinem besten Photographen. ‚Knopp’ deshalb, weil Jürgen immer ‚Knopp’ schrie, wenn er was haben wollte. Und Knopp, der eigentlich Berthold hieß, dann schnell den Knopp an der Kamera drücken mußte. Schneller als die K-47 selber rattern konnte. Sein bestes Bild. War das, was einen Mudschah beim Abknallen zeigte. Im Visier. Nur sein Gesicht, der Kolben plusterte die Wange, die Siebensiebenvierer-Hülse sprang aus ihrer Höhle – und genau auf das Auge zu. In diesem Augenblick schrie Jürgen ‚Knopp!’ Aber meinte eigentlich den getroffenen auf der anderen Seite. Das Bild ging weg für 70.000. D-Mark noch. Sie teilten 40-25. Vierzig Jürgen. 25 Knopp. Dem Alter entsprechend. Der Rest ging an die Agenturen. Schon damals verbrachten sie mehr Zeit miteinander als mit ihren Frauen.

Knopps Ehe mit Martha – schon immer einige Jahre den anderen voraus, also ewige 39 und geschätzte zwanzig Umläufe älter – ging nach 11 Jahren in die Brüche. Nach 11 Jahren mit Jürgen. 5 in Afghanistan, drei im Libanon, vorher drei in Hollywood. Daher kannte Jürgen auch seinen Angelkameraden. Eher aus dem ‚Valley’. Wo sie sich beim Drehen kennenlernten. Er beim Cruisen. Unter nackter Sonne.

Von Martha, die ‚Knopp’ unter Kollegen immer ‚Nippel’ nannte, weil sie aus Kölle stammte und er aus Hamburg und er kein ‚Nippes’ kannte, aber in Begleitung mit ihr beim Streifen durch die Büroräume auf dem Weg zur Buchhaltung und zum Zaster immer nur ‚Bernstein’ nannte – wohl, weil der auch mit den Jahren klarer wurde, wenigstens der Blick hinein auf das Insekt darin – fiel der Abschied nicht schwer: Sie trennten sich ‚Bis der Tod Euch scheidet’. Also einvernehmlich. Starb dort beim Shooting. Mit der Kalashnikow. Dem Mudschas. Der Hülse. Sein bester Shot. Die 25 gingen an die Witwe. Ihr letzter Gang durch die Büroräume. Ihr erster mit eigenem Namen.

Später unter brennender Sonne. Auf dem Friedhof tauschten sich die Wechsel. Geld hier und Anerkennung, Sarg und Erde da und Bleistift–Mienen. Zum Anspitzen scharf. Während Brigitte daheim die Prinzen-Zwillinge aus Schloß Salem abholte, aber Sorge um ihren Garten hatte, weil dort der Empfang der Trauergäste stattfand. Um Sorge, um die Trauerweide und den Rasen, fuhr sie schneller als gewöhnlich. Vom Flughafen, packte die Zwillinge – Kann–Kinder – in ihre Klappsessel hinten im Porsche und donnerte über die Elbchaussee nach Blankenese. Alle zwei Monate. Raste sie so durch die Stadt. In der Saison nur alle drei. Von Mai bis Juli, Juli bis September. Dann wieder früher. Weil sie den Garten für Fremde öffnete. Die dann die Bougainvillea bestaunten, und bestaunten, daß die keine großen Blüten treiben brauchten, nur leuchtende Blätter, um die Blicke von all den ‚Oriental Whites’, den ‚Evening Stars’, den Goldmohns und Rittersporns, den Form-Kiefern, der Päonie mit ihrem ‚Coral Charm’, den Enzians zu lenken, die in Wahrheit auch nur Solanums waren, wie auf jedem Kartoffelacker – da konnte Brigitte sparen – und den Buxus-eingesäumten Kräuterbeeten, das große, das mal ein Swimming-Pool war, als ihre Ehe zu Jürgen saisonbedingt noch am Blühen war, die blöden japanischen Ahorns, die den Rosen bloß die Aussicht stahlen, aber Jürgens Leidenschaft waren – er sammelte alle Sorten, lieber Bäume als Blumen, nuschelte er gerne, wegen dem... – und das Deer Hunting, wie es Brigitte abschätzig titulierte – auf dem ‚John Deer’-Mäher, den er liebevoll ‚Little John’ nannte, auch weil’s der größte war – und oben drüber saß. Bis sie blass-erstaunt wieder gingen: Die Trauergäste wie die Garten-Gaffer. Gleiche Gesten, gleiches Auf-den-Weg-Schicken.

„Ich weiß... Ich... wußte es... Hätte wissen könn... müssen.“ Schluckte.
‚Valley’, das war ‚sein’ Spitzname, der eigentlich George hieß, hielt derweil den Griff der Angel lässig mit dem Fuß in Waage, zielte übern großen Zeh und dem daneben, der keinen Namen hatte – „Kimme, Korn, Kanaster!“ sein stetes Motto –, auf treibende Enten im Wasser und feuerte. „Peng!“ Vorbei.
„Peng. Peng.“ Bis endlich eine abtauchte. Und lächelte dabei, als er ihr Auftauchen irgendwo am Schilfrand nicht erkennen konnte. Oder wollte. Wie ein kleiner Junge, der mit großen Augen Spinnen unter Senfgläsern bestaunte und dann sezierte. Auswählte. Und dann einer nach der anderen erst die Beine aus dem Leibe riß, bis selbst das nicht quälte und dann schon lieber zum Feuerzeug griff. Aus Bequemlichkeit. Aus Bequemlichkeit und ohne Zweifel lutschte er – alle Entlein waren abgetaucht – zum Ausgleich jetzt an seinem ‚Blackberry’. Wonach die Beeren wohl schmeckten?

„Scheiße! Bloomberg läd nicht. Dreckskerle. Wenn ich den Mayor treffe! Stecke ich ihm den Sender in den geschliffenen Arsch, nein, gleich das ganze Drecksverdammte Handy! Auf Vibrationsalarm eingestellt, dann alle halbe Stunde im Fernseh-Meeting.“
„...ja...“, wachte Jürgen kurz in der Dämmerung auf.
„Das gibt dem Namen ‚Cell Phone’ eine neue Wende.“
Beide sahen sich an. Die Bierflaschen im 45 Grad-Winkel an den Lippen. Dann – schallendes Lachen, das versteckte Vögel aus den Büschen scheuchte.
„Ha, ha...“, prustete Jürgen. „Und... und zerren ihn ins ‚Chrysler-Building’, 405 Lexington Avenue, Ecke 42. Durch den Tiffany-Eingang. Wegen den Lampen. Muß ich immer daran denken, wenn ich diesen scheußlichen Marmor sehe...“
„Und dann hoch. Aber nur bis in den ‚Cloud Club’ im 66. Nicht zur Spitze. Wollen ja, ähem, ähem, nicht stören, wenn ‚er’ seine Model-Schlampen aus Reval poppt. Die Cohiba qualmt:
>>Ja... Da! Die Welt steht Dir sperrrrangelweit offen, Täubchen. Sperr-‚Angel’-weit. Da, da. Engel, Du wirst Karriere machen. Elite wird Dich buchen. ‚Die’ Elite. Da! Das werde ich Dir versprechen, da, da, da...<<“
„...ha, ha, ha... Schau! Mayor, der Times Square. Sauber, sauber. Ihr könnt es ja doch. Richtig deutsch. Richtig, richtig. Zwei Drittel. Wer hätte ‚das’ gedacht? Uns gehören zwei Drittel des Chrysler-Buildings. In der Steuer ‚führend’. In ‚Deiner’ Stadt, ha, ha...“
„...und dann machst Du das Fenster auf, drückst ihm diesen 9–1–1–Paraglider in den Magen und winkst ihm steif auf Ein-Uhr Good-Bye, ha, ha!“

George sah Jürgen entgeistert an. Der lutschte unbeirrt weiter. ‚Valley’ steckte das Handy weg, stand wortlos auf und verschwand im Schilf. Er tauchte wieder auf. Nach einer Weile. Mit zwei vollen Flaschen. Er öffnete beide mit dem Feuerzeug. Er reichte Jürgen seine.
„Und Heinz?“
„...geht es nicht gut. Auf ‚Altes Eisen’ kümmern sie sich um ihn. Spricht aber nicht auf die Medikamente an... erinnerst Du dich? Da war doch diese scharfe Altenpflegerin... Ih... Ih... Ikatharina! War das eine Bombe. Die wär was für den Bulbury, das sage ich Dir.“
„...was?“ ‚Valleys’ Angel zitterte. Etwas bewegte sie. „Nein. Kann mich nicht erinnern. Nur an... diesen Pfleger...“
Er stampfte die Bierflasche in den weichen Boden und nahm die Angel fest in beide Hände. Sie richtete sich auf. 45 Grad–Geschicke.
„...der mit den Zäpfchen? Uh... Uh... Ulrich! Pfleger Ulrich. Ein derber Kerl, war das. Glaube ich.“
George riß die Angel hoch.
„Ahh! Verdammt! Verdammtverdammtverdammt! Der Fisch war entwischt. Schlaff hing die Angel herunter.
„So hieß er? Ja, wirklich? Kann mich nicht erinnern... daran. Du warst ja bei der Heimleitung mit den Formularen beschäftigt. Ich fuhr euch hin. Ich kam, glaube ich, gar nicht mit rein. Aber... sag Bescheid, wenn Du mal wieder Heinz besuchst und Dein Chauffeur frei hat. Die Abwechslung. Tut. Mir. Gut... Äh, und Brigitte?“
„Wer? Ach. Brigitte. Die meinst Du. Hab sie letztens mit ihrer Schwester erwischt. Diese Schlange. Du kennst sie ja... Marnie.“
‚Valley’ sprang auf. „Erwähne niemals wieder diesen Namen! Understand?!“ Wütend schleuderte George das ‚Becks’ in den Mai-Bach. Den See. Der Hals hielt sich schaukelnd über Wasser. Wenigstens so.
„...hatte mich hinter der Buchsbaum-Hecke versteckt. Im Garten. Nach dem Gärtner trieb sie es mit der Schlampe in der Küche. Hab alles mit angehört. Ganz genau. Schon lange geahnt. Auf dem Küchentisch, wo sie die Brote für die Zwillinge schmiert. Nein, Elvikka, das Mädchen. Wie sie drinnen stöhnten...“
Die Männer seufzten.

„Das Leben ist ein Theaterstück...“, blies Jürgen seinen blauen Atem in den Sonnenuntergang.
„...und wir sind die Kulissenbauer.“

„Hm, das ist gut. Woher hast Du das?“
„Das ist aus meiner nächsten Rolle. Goldenes Skript. Ich spiele... George.“
„Du spielst Dich selbst?“
„Nein, den mit Double-U.“

Sonnengolden klackerten die Welten aneinander. Am Seegrund. Zwei Männer lagen in ihrer Ausgangslage.
„Prost!




*



Freitag, 12. September 2014

Heinrichs Welt


Heinrich.

Heinrich war auch so ein komischer Kauz.

„Die Bomben! Die Bomben! Wo warst D u ?!“

Sagte er immer. Raunzte er immer. Rotzte dabei. Weil er das ‚Du’ so auseinanderzog. Ein Schluck aus dem Flachmann. Und dann dieses Husten. Tja, Heinrichs Welt. Das auch. Darüber müßte ich mal schreiben. Über den ollen Nazi. Wasser in den Beinen. Die Waden, dick und knautschig wie beim Michelin-Männchen. Kurz vor seinem Tode sah ich ihn wieder. Wie er da auf dem Sofa saß. Mit dem grünen Samtbezug. Und den Bommeln. Mit den ‚Kumpels’. Draußen. Im Hof. Ein schöner Tag war es eigentlich. Die Sonne schien. Frühlingsluft. Wie still er mich anschaute. Keine Bomben, kein „Wo warst D u ?!“. Kein Flachmann. Kein Husten. Nur Heinrich. Der olle Nazi. Der Mensch. Und die große Flasche Korn.

Ach, Heinrich. Da war ich doch noch gar nicht auf der Welt...

Heinrichs Welt. Wie habe ich sie gehaßt! Tagein, tagaus. Und dann? War sie weg. Einfach so. Und habe sie vermißt.


Komisch, nicht?


Oder der olle Seebär?

Der sich immer die graue Brust kratzte. Mit Fingernägeln so lang wie Brotmesser. Das Ratschen durch diese spröden Haare werde ich nie vergessen. Habe seinen Namen vergessen. Nun. Ich sah ihn wieder. Glaube ich. Jahre später. In der anderen Stadt. Seine dreckschneefarbenen Haare. Erkannte ihn daran. Dreckschneefarben. Das habe ich gleich übernommen. Eingebaut. Das einzige, was er mir schenkte. Nein. Nicht ganz. Ein weiteres: Er zeigte mir, wie weit ein Mensch gehen kann, um dann am Ende eines Weges aufzuhören, ein Mensch zu sein. Oder aufhörte, etwas vorzugeben. Wie er in dieser Mülltonne wühlte. Fand dort keine Flachmänner. Nur Dosen. Kramte diese grüne unter all dem anderen Unrat hervor und setzte sie an. Ohne zu zögern. Ich konnte das Glucken sehen. Aus der Ferne. Wie ich ihn gehaßt habe! Weil ich ihn nicht erkennen wollte. Deshalb kam ich nicht näher. Weil er nicht zögerte. Weil er glücklich war. In diesem Moment, der keiner war.


Komisch, nicht?


Oder der falsche Monegasse?

Der eigentlich Franzose war. Aber kein Franzose sein durfte. Weil er ja Franzose war. Wie war noch sein Name? Ach, mein Gedächtnis. Läßt mich wie immer auf dem Trockenen verdursten. Vielleicht erinnert es sich nicht mehr an die Namen, weil es die Menschen verdrängen will. Aber was macht das für einen Unterschied, wenn man jung ist! Und Sommer! Und die Pyrenäen so nah! An diesem Tag, der so seltsam war. Weil auch diese Sonne wieder schien. Wie an Heinrichs Tag im Hof auf dem Sofa. Und der Monegasse, der eigentlich Franzose war, besoffen war. Und alles mulmig war. Und ich mir fast vor Angst in die Hosen geschissen habe. Nein, das ist nicht wahr. Daß ich mir in die Hosen geschissen habe. Daß mir angst war. Weil mir mulmig war. Weil es seltsam war. Weil alles anders war.


Komisch, nicht?





*





Für das nächste Leben vormerken: Weniger erlebt zu haben, mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen. Oder gleich mit verschränkten Armen auf der Fensterbank aus dem geöffneten Fenster in die Welt hinausschauen. Am besten gleich mit geschlossenen Augen. Sich dann selbst vorstellen, wie man mit verschränkten Armen auf der Fensterbank aus dem geöffneten Fenster hinausschaut und dem Menschen, der dort in der Vorstellung vor dem Fenster steht von hinten mit den Handflächen die Augen zuhalten, damit die geschlossenen Lider auch geschlossen bleiben, und dann ins Ohr flüstern, was man vor dem Fenster sieht, wenn Menschen darunter vorbeiziehen, wobei diese sich beim Gehen selbst die Augen von hinten zuhalten, der Hintermann dem Vordermann, und abwarten, was geschieht, wenn sie gegen andere prallen, die sich ebenso die Augen zuhalten. Könnte so ein Bild von Magritte aussehen.


Oder mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen.