"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Samstag, 29. November 2014

Malte bunte Welten auf den Boden


Stattdessen war ich für meinen Vater mehr als nur die eine Herausforderung, der er sich sein Leben lang stellte. Erinnerte er sich an mich als Kind, so setzte er mich zwischen seinen Notizen auf den Boden, die er vom Schreibtisch aus der Schreibmaschine zog, wortlos zerknüllte und zu mir hinunter zuwarf. Und vielleicht erkannte er darin die Worte, die er für seine Geschichten benötigte, als ich zwischen den zerknüllten Absätzen meine Malstifte gegen seine Worthülsen drückte, seine Versuche, den einen richtigen Kapitelanfang zu finden, Bogen um Bogen glatt strich und die Rückseiten mit bunten Bleibseln meiner gewollten Nähe zu ihm bemalte.

Mein Vater erzählte mir nicht die Geschichten, die ihn umgaben. Er las mir nie aus seinen Büchern vor. Stattdessen nahm er mich an der Hand. Warm und weich wie sie nur in der Erinnerung an die nächste Handreiche sein konnte und fest genug, daraus ihre Liebe zu begreifen, wenn er sie löste, für alle weiteren Male, die er meine zu seinen Handlungen führte. 

Setzte er mich zu seinen Füßen, so setzte er mich auf den Sand, der ein Pflaster dämpfte, und tippte er härter seine Buchstaben in die Tasten seiner Schreibmaschine, so spürte ich das Dröhnen eher, das er durch die verwinkelten Gassen unstoppbar zu mir leitete, während ich auf meinen bunten Stiften die Farbe kaute, die er für seine Szene brauchte. Hob mich im letzten Augenblick aus dem Gedränge, bevor mich seine Gabe zertrampelte, drückte mich so an seine Wärme, daß ich nie mehr eine andere fühlen wollte und gab sie dann doch wieder seiner Schreibmaschine.

Setzte er mich ins Gras und war es Sommer und schrieb er im Garten und warf er mir seine Kapitel zu, die ersten Absätze, die er mit diesen zerknüllten Blättern nur mir widmete, so setzte er mich auf die Hitze eines flirrenden Feldes inmitten seiner Landschaften, die er vorher schon bereiste, und zwinkerte mir mit den Kommas, die er spärlich zeichnete, zu, mit schwachem Druck auf die Schreibmaschine, so daß ich mit meinen bunten Strichen Vögel auf die Rückseite seiner Eindrücke malte, aus deren Flügelschlag er sein Knattern für seine Geschichte lieh, und hob mich im letzten Augenblick mit beherzten Händen aus der Schußlinie dieses fremden Landes, das er mich nie besuchen ließ. Und war seine Nähe keines seiner Worte fähig.

Setzte er mich auf den Steg zu unserem kleinen See, so schrieb er auf dem Trockenen feuchte Sätze in seine alten Augen, und sah in mir den Fisch, den er fangen wollte, nur weil es mich gab und dafür lohnte, ein schmales Boot bei Sonnenschein zu besteigen und bei Sturm mir diese Liebe zu beweisen, während ich mit den bunten Stiften seine zerknüllten Enden auf Papier in das Wasser schubste. Und nur einmal, als ich eine junge Frau wurde, ließ er mich vor der Tür alleine, stehend, ohne seine Wärme und las sein eigenes Buch zu Ende.


Setzte er mich zu Boden, setzte er mich nie zu mir in seine Worte.





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Montag, 24. November 2014

Atemlos (Originalversion)


Mr. Probz singt sein Nothing Really Matters, Richard Gere hat schon längst Valérie Kaprisky verlassen, Jerry Lee Lewis auf den wippenden Hüften, den Colt in der Hand, Atemlos den Silver Surfer aus der Galaxie entlassen und Galactus zum Trotz darf die Welt einen weiteren Tag ihre müden Bahnen um die Sonne ziehen. Kein „Jesse, ich liebe Dich!“. Kein „México, Baby!“. Kein rosa Pony-Car. Einhörner sucht man an diesem Tag vergebens.

Zu den Zeiten gesellen sich Veränderungen, die sich wechseln, wie bunte Kleider, die man am Abend zuvor zurecht legte, nur um sich am Morgen darauf doch für das dunkle Unauffällige zu entscheiden. Nur nicht aus der Rolle fallen als Lidschminke, der Dreitage-Bart fürs Wochenende fällt der Naßrasur zum Opfer. Die Krawatte gebunden, der Blazer geordnet. Die Gedanken sortiert.

Aus Breathless von Jerry Lee Lewis ist Helene Fischer’s Atemlos (durch die Nacht) geworden. Kein Silver Surfer wacht über uns. Kein Galactus kreuzt unsere Bahnen. Jede Welt verdient den Atem, der ihr gerecht wird. Die Erde schutzlos der Lunge des Universums ausgeliefert.

Mr. Probz singt sein Nothing Really Matters, Richard Gere hat schon längst Valérie Kaprisky verlassen, Jerry Lee Lewis auf den wippenden Hüften, den Colt in der Hand.

Die Erwartungen der anderen die Haut, die man sich überstreift. Von fremden Blicken entblättert. Wäre sie nur so silbern glänzend, wie die des Silver Surfers. Käme man sich dann nicht so nackt vor.

Manchmal gibt es Gelegenheiten. Aber keine Möglichkeiten.

Kein „Was willst Du eigentlich, Jesse?“, kein „Alles oder nichts, Baby!“

Die Frisur geordnet. Der Hemdkragen gebügelt. Die Gedanken sortiert. Das Gesagte entspricht den Erwartungen. México nur ein Land mit einer hohen Mordrate.

Bleibt zu hoffen, daß da doch noch etwas Jesse Lujack in kleinen Jungs da draußen ist, etwas Monica Poiccard in kleinen Mädchen. Etwas Verrücktes, als Zukunft nur ein anderes Wort für Unmögliches war.


Und „México, Baby!“ für alles andere.






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