19.9.: „Mein elfter Tag an der Front. Weiße Fahnen schwankten über
das Schlachtfeld. Das sind keine Fahnen, sagte der Korporal. Sein
Fernglas schwankte. Der Sanitäter nahm es ihm ab. Er spannte einen der
Zipfel in den Glaubstock ein. Das sind Seelen. Er reichte sie gleich
an mich weiter. Sie wollen sich ergeben, sagte ich. Da, die da
fällt, sagte der Korporal mit bloßem Auge. Er stützte sich mit einer Hand am
Schützengraben, mit der anderen wischte er sie unbeholfen aus dem Lid.
Ihre Haut. Ganz weiß. Der Sanitäter und der Korporal teilten sich ein Okular. Mein
Schwager, der ist Bäcker, sagte der Korporal. Sieht auch so nach
dem Backen aus. Weiße Fahnen. Das sind keine Fahnen, sagte ich.
Wie Mehltau. Keine Fahnen, sagte auch der Korporal. Er kam
herunter, tief hockte er sich gegen die Wand im Graben. Man sollte ihnen
helfen, sagte der Sanitäter. Weitere fielen. Er setzte sich neben den
Korporal. Mehltau. Wie Mehltau, sagte ich. Der Regen wäscht ihn wieder
aus. Kein Grund, zu stehen. Meine elfte Nacht überstanden. Hoffentlich
stehe ich das Liegen durch.“
20.9.:
„Mein zwölfter Tag an der Front. Bin aufgewacht. Meinhard hielt Wache. Der Korporal neben ihm war eingeschlafen. Der
General kam am Morgen und meinte, jemand sollte den Krater mit Erde
auffüllen. Der Oberst knetete seine Mütze. Der Major wischte seine Stirn.
Traute sich aber nicht die dann feuchte Hand an der doch so frisch
gewaschenen und faltenscharf gebügelten Uniformhose abzuwischen. Der General
hielt ihm seine zum Abschied zum Schlag hin, und der Major zögerte – welche
Geste der Ordnung halber nun wichtiger sei –, reichte sie ihm dann
entgegen, der frisch gewaschenen und faltenscharf gebügelten Jovialität,
Schweißtropfen folgten der Gravität – erst zum Boden, dann zum General hin
angezogen, doch zog sie im letzten Moment hoch und zurück, was den Schweiß
der Handhabe in das Gesicht der Generalität schleuderte, und zeigte ihm eine
lange Nase, mit allen gespreizten Fingern gleich, und lautem „Bäääh!“
– dann bin ich aufgewacht. Meinhard
hielt Wache. Der Korporal neben ihm war eingeschlafen. Ich stand auf und
sah nach dem Krater. Ich wischte mir die Augen. Eine weiße Fahne, an der Hand
ein weißes Fähnchen, stolperte her zu uns. Eine Frau mit ihrem Kind. Ein
Mädchen, sagte Meinhard. Das
weckte den Korporal. Er streckte sich, er gähnte, dann stand er neben mir und
wischte sich die Augen. Eine Mutter. Welche Mutter bringt ihr Kind zum
Krieg? Geh da weg!, sagte der Korporal. An der anderen Hand ein
Gewehr. Sollen wir schießen?, sagte Meinhard. Dann hörten wir drei Splinte sich entjungfern. Es
dauerte, bis der Wind das Klingen von drüben herüber reichte. Da flogen schon
drei Handgranaten in hohem Bogen gen Sternenhimmel und glühten sich im
Fallen als Schnuppen zurück zur Erde. Zum Knall, Knall, Knall. Es
dauerte, bis der Wind die Schreie herüber reichte. Im Krater unten wehte
eine weiße Fahne, ein Gewehr an der einen, an der anderen nur mehr ein Arm. In
den Bomben der Augen explodieren die Splitter. Meine zwölfte Nacht
überstanden. Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“
21.9.:
„Mein dreizehnter Tag an der Front. Ich schrieb einen Brief. Ans Zuhause:
'Hallo Mutter, Vater, geht es euch gut? Habe eure Nachricht erhalten. Auch
die Socken. Schickt noch einen Dank an Tante Agatha. Sie passen. Ja, noch alles
dran. Habt keine Sorge, sie lassen mich nicht an die Front. Ich sitze im
Versorgungstrupp hinter den Reihen. Von den Kämpfen kriege ich kaum etwas mit.
Nur Wartungsarbeiten. Ich halte mich aus allem raus. Wie ich es euch
versprochen habe. Nein, Tote habe ich nicht gesehen. Ich glaube auch nicht, daß
sie viel schießen. Einmal reicht nicht, sagt immer mein Korporal.
Sie müssen dir schon in den Bauch, in den Rücken und in den Kopf schießen,
damit man hinfällt. Aber solange sie dir nicht ins Herz schießen, kann man
immer wieder aufstehen. Aber meistens schießen sie dir dort als erstes rein,
sagt der Sanitäter meiner Kompanie dann immer. Ich weiß nicht. Ich würde
schon beim ersten Mal liegen bleiben. Vielleicht lege ich mich auch gleich so
hin. Breite meine Arme aus, spüre den Boden in meinem Rücken und warte...
daß sie schießen. Warte, und wäre bloß so warm, je länger ich so läge,
und gebe dem Boden Wärme, die er mir entzöge. Hallo Vater, Mutter,
geht es euch gut? Ja, noch alles dran. Habt keine Sorge. Sie lassen mich
nicht an die Front. Meine dreizehnte Nacht überstanden. Hoffentlich stehe
ich das Liegen durch.“
22.9.: „Mein vierzehnter Tag an der Front. Eine Reporterin kam.
Sie stellte echte Fragen. Ob uns nicht zu langweilig wäre, ob wir genug zu
essen hätten, ob wir uns zum Schlafen längs zum Schützengraben oder quer
dann legten. Sie lief den Graben in hochhackigen Schuhen ab, und ein gaffer
hatte sogar ein Maßband dabei und maß die Breite ab. Der Kameramann
wartete, bis sie sich ausbreitete, doch vorher noch den Schlamm von nackter
Ferse und Zehen wischte. Mit einem Papiertaschentuch, das sie so dann mit
spitzen Fingern an den Boden weiterreichte, dann hinter gelbem Messband erst
die Beine, und dann die Arme spreizte. Lachen mit hundert Kreidezähnen, Cum-Shot. Und ich schwöre, es knisterte
aus ihrem Schritt oder doch aus ihren Achseln. Die sind getapt,
sagte der Sanitäter später. Und der best boy klebte sich mit jedem
Heftpflaster fester an den Gedanken. Dann schrie sie auf. Weil der
Korporal es abriß. Das Maßband. Als er durch den Graben eilte, weil der Feind
es von ihm wollte. Sie schrie und schrie und schrie. Und es tat dem
Korporal fast leid, weil er ihr den Schuß versaute. Und hob ihr Maßband auf.
Sie warf beides, Band und Haare in die Seite, wie lange einstudierte
Reihenfolge beim Einsortieren teurer Tassen, Teller und Geklimper zum Tee-Service,
und brachte dann doch noch zur Freude des Kameramanns, des gaffers
und des best-boys zwei Cum-Shots
in den Kasten, bevor der Feind selber trockenschoß, lief der Film noch bei mir
ab, hob das Taschentuch aus der Senke, und roch daran. So roch Krieg.
Wie Frauenreif. Und Eisenreiz durch Trockenblut. Den Korporal traf keine
Schuld. Ihn traf die Kugel, als er der Reporterin das Maßband
hinterhertrug. Zum Obergefreiten befördert. Meine vierzehnte Nacht überstanden.
Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“
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