"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Samstag, 2. August 2014

Taikonaut – Jede Farbe setzt sich auf einen Grashalm

Oder: Ein Stuhl sitzt auf jeden Fall gelassen


3. bis 5. Tag: Zwischen Central und dem Faden Causeway Bay


  
Gefäßmenschen. Gefäßmenschen heißen in aller Regel Ursula. Ursula schüttete sich nun aus. Wie sie in mein Taxi kam? Nun, davon später mehr, aber erst mal von vorn…

„Von vorn macht's'n Zehner mehr. Aber nenn‘ mich nicht Nutte. Sonst komm‘ ich nicht.“, sagte Ursula. Und Ursula sagte es so, als müßte ich für sie einwilligen. Komisch, dachte ich.

Ein Schmetterlingsblick versperrte die Aussicht. Flirrig. Für jede Farbe ihrer Pastell-Lider eine Erklärung. Zwischen Central und dem Faden Causeway Bay schnaufte sich das Taxi den Berg hoch, unter uns in ausgeatmeter Wolke die Insel Hong Kong in nachmitterlicher Gewitterschwere. Ursulas Regenbogen spannte beide ein. „Aber komm‘ mir nicht blöd! Und fummel nicht. Und steck‘ mir nichts ins Gesicht. Der Mund ist unten. Ich hab‘ne Tüte. Wenn‘s dir zu labberig ist. Deine Zunge bleibt dem ‚Bitte–Danke‘ vorbehalten. Bin schon Mutter.“ Sie zog eine Einkaufstüte aus ihrem Bauchladen, nur etwas. Sie beknisterte die Falten. „Und das nicht zum ersten Mal. Ich bin ein Parkhaus. Schieb einen Roller rein, dann fährst du mit einem Bentley raus. Du hast ein hübsches Gesicht. Mein Alter hat nur sich und seine Glatze. Zuerst sterben die Haare, dann die Gefühle. Ich lernte ihn schon ohne kennen. Aber er läßt sich verprügeln. Das kriegt nicht jeder hin.“

Ursula trug schon in greiser Bequemlichkeit, was alte Frauen tragen, wenn sie die letzten Tage ihrer Gelenkigkeit erfragen. Ein lässiges Baumwoll-Shirt mit Ringeln für jeden Segeltörn, bevor der Große Signalmast sie aus dem Strom herauswinkt, aus dem Steinhuder Meer etwa, was angemessen wäre, dann – es war ein langes Weben – Bermuda-Shorts. Ohne Bermuda, blau, in Sicht und ohne Shorts, lange Bauchgardinen, goldene Sandalen. Jeder letzter Zeh ein Schrei nach der Jugend in rotem Bunt. Leberflecke, die nicht mehr abblätterten, wie Sonnenhaut nach getrockneter Einöde. Ach, Ursula. Wie sie in mein Taxi kam?

Nun, davon später mehr. Aber erst einmal bog der Toyota Crown Comfort in die Welt ein, auf dieser Straße, die eine sein konnte, wenn man sich vorstellte, wie seine war, die man zurückließ, als man zurückkehrte aus der, die man vorzufinden wünschte. Tate‘s Cairn 大老山 brachte dem Taxifahrer kein Glück. Er saß aufrecht, die Hände folgten dem Lenkschlag, und verteidigte seinen Überblick gegen ein Schielen, das sich häßlicher an den Schuhen anhaftete, da er darunter, außer den Spitzkehren, noch etwas vermutete. Darunter, ja, darunter verbarg sich wohl der Tunnel, der $2 Milliarden–Tunnel – irgendwo zwischen Bodenblech, Auspuff und Asphalt und Krume –, der es allen bequemlicher machte, im Stau zwar, aber immerhin – bequemlicher. Ohne Aussicht zwar, aber im Stau – immerhin.

Bequemlicher war auf den Weg in die New Territories, auf die Rücklichter des Vorderen zu starren, daran vorbei, als überlebte Hoffnung auf Beschleunigung oder angehängt und mit seinen Fernen schon längst träumend, auf die Rücklichter der Mobilfunkgeräte starrend, währenddessen, auf die Klimaanlage, auf die Radioregler, die Tachoanzeiger, als überlebte Hoffnung auf Beschleunigung am Display vorbei oder angehängt – als Textnachricht – mit seinen Fernen schon längst träumend, weil es bequemlicher war, vermutlich. Im Emoticon-Schritttempo. Verteidigten einige ihren Überblick mit Blick zur Tunneldecke. Nein, kaum ein Schielen, kein Starren, schon eher ein Bohren, oder.

Jede Farbe setzt sich auf einen Grashalm. Und wenn diese grau waren wie Beton. Die Farbe des Taxifahrers war mittlerweile rot. Wie sein Auto. Das war grün. Was einige Entschuldigungen kostete, und, weit weniger, Ausreden, aber erst grünes Geld kaufte alle Ausreden und Entschuldigungen zusammen auf, ein Short–Seller handelte nicht anders, was mich aber schulte für die Zukunft, die richtige Farbe des Taxis für die richtige Richtung zu bestimmen, zumindest in und um Hong Kong, rote Taxicabs Toyota Crown Comfort oder grüne New Territories Toyota Alphard ‚For Hire‘.

„Ich bin eine Nutte, ja? Aber keine Schlampe, ok? Ich sag's nur.“ Ursula. Ja. Ja. Grün. Komisch, dachte ich.

Gefäßmenschen. Gefäßmenschen heißen in aller Regel Ursula. Ursula schüttete sich nun vor mir aus. 

Wie sie in mein Taxi kam?


Nun, davon später mehr.





*




Freitag, 1. August 2014

Perak Tong


Stalaktiten und Stalagmiten wuchsen wie Fingerweise hinab und empor. Wer den Finger zeigt. Blieb unbenommen.

Stalagnat kam selten vor. Durchgehend, beide Höhlendecken verbindend.



Wir fuhren taxifahrend vor. Perak Tong. Malaysia.


Buddha blieb gelassen. Er empfing in sitzender Haltung, golden, geschlossen die Lider. Besah er die buntbemalte Höhle in den Innenseiten seiner Lider? Und was, wenn er all die Menschen, die klein vor ihm standen, durch die geschlossen Augen musterte und mit Schicksal bedachte? Standen wir klein vor ihm und bedachten unsere Gedanken.

Stalaktiten und Stalagmiten waren nicht vorhanden. Nur die ausgehöhlte Kaverne. Wir suchten den Aufgang und stiegen die steilen Treppen empor. Irgendwo kamen wir nach draußen. Ich bekam Höhenangst. Weitere Stufen. In einem Pavillon ruhten wir uns aus, Sonnenräder in Form umgedrehter Swastika luden die Schwüle des Draußen und Stille ein. Unter uns die Ebene.

Kuala Lumpur.

Menara Kuala Lumpur, KL Tower – der Fernsehturm von KL. Ohne Höhenangst sahen wir auf die Petronas Twin Towers hinunter. War der höher, so stand der Fernsehturm doch auf einem Hügel, der den höheren Twin Tower zum Zwerg machte. Auf den man mitleidig herunterblickte, aber mit seinen Augen beschickte, für Unterhaltung zu sorgen. Im schnellsten Aufzug der Welt – den schiefen Turm von Pisa bestiegen wir noch zu Fuß –,  beschickte dies ein gutaufgelegter Amerikaner mit Hut und unangenehmer Heiterkeit. Ich sprach ihn mit trockenem Humor auf Englisch an, damit er verstummte. Damals mit Selbstbewußtsein gesegnet, daß mir die Welt gehörte. Die Amerikaner führten ihre Kriege. Der heitere Amerikaner. War es wohl nicht gewohnt, daß es noch andere gab, die mit noch mehr Selbstbewußtsein gesegnet waren, wie die, die Kriege führen. Gewann ich alle meine Siege. Stand er klein vor mir und bedachte uns mit Gedanken.

Wir handelten mit Taxifahrern. Sie wiesen uns ab. Standen wir klein vor ihnen und bedachten sie mit Gedanken. Gewann ich alle meine Niederlagen. War ich mit dem Selbstbewußtsein gesegnet, Menschen mit ihrer Kleinlichkeit zu vermessen. Doch stets freundlich und höflich, so daß die Größe noch mehr schrumpfte.

Wir flogen nach Penang zurück.

Unter uns alles, was wir gesehen haben. Köhler auf dem Lande, gelber Lamborghini, Bettler mit offenem Bein. Womöglich auch die Cameron Highlands mit ihren schönen Teeplantagen. Mit der Weltläufigkeit rotierender Gestirne liefen wir umher und ließen uns die Teeproduktion zeigen, während eine Gruppe nur pauschal abgefertigt wurde. Standen sie klein vor uns zweien und bedachten uns mit Gedanken. Unser Taxifahrer aus Penang, mit dem wir vorher einen Preis ausgehandelt hatten und uns nach Perak Tong brachte – und noch nie Schnee in seinem Leben gesehen hatte –, führte uns in Malaysia ein. Ohne Höhenangst blickte ich hinunter.

Im Swimming-Pool unserer Appartmentanlage hätte ich gerne die Lider Buddhas von innen besehen. Ob sie so bunt waren, wie die Höhlenmalerei von Perak Tong, die sie nie besahen? Waren doch die Augen geschlossen. Ich redete lauter als es für Malaysia üblich war. Ein Pärchen blickte zu uns hinüber. War ich damals borniert und nicht Buddha, meine Augen aufgesperrt, besah ich nicht die Innenwände in Demut. Stand ich klein vor ihnen und sie bedachten uns mit Gedanken. Aber war es mir egal. War ich doch mit dem Selbstbewußtsein gesegnet, Welten zu erobern. Stets freundlich und höflich und mit einem Lächeln versehen das verpetzte, mehr zu wissen.

Flogen wir zurück nach Deutschland.

Folgten noch viele weitere Reisen. Folgten noch viele weitere Arten und Weisen, selbstgefällig zu sein. Folgten noch viele gewonnenen Siege und gewonnene Niederlagen. Menschen, die mich mit Gedanken bedachten. Und nicht über ihre eigenen nachdachten.

Buddha, sitzend, in seiner goldenen Haltung, beschaut die Innenseite seiner Lider.

Womöglich lieber, weil alles Bunte nicht so strahlend ist, wie das noch nicht gesehene, was man sich nur mit geschlossenen Augen vorstellen kann, und alles in den Schatten stellt, was man schon vorher ins Licht stellte.


Ich bin ein angenehmer Mensch. Menschen fühlen sich in meiner Gegenwart wohl – weil ich Ruhe ausstrahle. Heute.

Früher, weil ich Erwünschtes ausstrahlte.


Haben fremde Menschen Erfahrungen mit mir gemacht. Das müssen nicht immer gute, das müssen nicht immer schlechte gewesen sein.

Ich besehe die Innenseite meiner Lider. Stehen Menschen vor mir und bedenken mich mit ihren Gedanken.

Was ist passiert?

Stalaktiten und Stalagmiten wachsen wie Fingerweise hinab und empor. Wer den Finger zeigt. Bleibt unbenommen.

Stalagnat kommt selten vor. Durchgehend, beide Höhlendecken verbindend.

Stalagnat.

Eine Sintersäule, die sich aus Stalaktit und Stalagmit gebildet hat.

Keine ausgehöhlte Kaverne, keine Höhenangst mehr.


Das ist passiert.


Demut. Ruhe.


Das, was ich wahres Selbstbewußtsein nenne. Nicht auferlegtes. Nicht welteroberndes.

Friedlich.

Nichts Religiöses. Bin Atheist. Nur das Betrachten der Innenseite der geschlossenen Lider. Kann man auch mit offenen Augen machen.


Nicht nur Schönes.


Das Leben ist passiert.


Oder Perak Tong.






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