"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Donnerstag, 7. August 2014

2 Nano-Peaks machen noch keinen Zahn


Ich erinnere mich noch.

Als ich meinen ersten Despoten tötete, war ich noch aufgeregt. Ich verschob seine Ebene um 4 Nano-Peaks. Vorgeschrieben waren 2. Das nachfolgende Aufräumen dauerte 2 Wochen. Und handelte mir einen scharfen Verweis meines Abteilungsleiters ein. Wir schrieben das Jahr 2185.

Lena verließ mich als ich 60 war. Sie nannte ihre Gründe nicht. Drehte sich nur so in den Abschied, mit der Ruhe einer Feder gesegnet, die sich entspannt hatte. Ich haderte nicht. Und wünschte ihr, daß sich ihre Wünsche erfüllen. Sie nullte ihren Geburtstag gerade zum vierten Mal. Verstehe einer die Frauen. Kinder hatten wir keine. Timea schenkte mir dagegen zwei.

Als ich meinen zweiten Despoten tötete, war ich bemühter. Ich wollte meinen ersten Fehler nicht wiederholen und befreite seine innere Dimension um eine. Dennoch ergaben das 3 Nano-Peaks, weil ich die Zeit-Distanz falsch berechnete. Chloë bekam gerade ihren ersten Zahn. Zum Schlafen kamen wir damals nicht. Die Aufräumzeit danach verkürzte sich um eine halbe Woche. Mein zweiter Verweis. Der Abteilungsleiter zeigte allerdings Einsicht. Seine Töchter schlossen gerade ihr Universitätsstudium der Integrierten Phasen-Distanz-Physik ab. Natürlich mit summa cum laude. Ob er sich an ihre ersten Zähne erinnerte? Timea kümmerte das nicht. Sie besuchte den Holo-Tanzkurs im Cube um die Ecke. Wir schrieben das Jahr 2189.

Lena schrieb mir eine Mind-Mail. Sie flackerte vor meiner Retina auf. Ich ließ sie flackern. Bis ich sie öffnete. Sie habe jetzt ihre Bestimmung gefunden, teilte sie mit. Sie brannte mit ihrem Core-o-Graphen durch. Ich stellte mir durchgebrannte Schaltkreise vor. Auf Moon-Goa versuche sie sich im Ausdrucksspiel. Vier Dimensionen reichen nicht aus, um ihre Klone, die sie extrahierte, zu beschreiben.

Als ich meinen dritten Despoten tötete, ließ ich es einfach geschehen. Mein Abteilungsleiter hatte schon einen anderen Lieblings-Angestellten gefunden. Gabby aus der Neunten. Holy Hermes. Durch Beziehung auf die Blue-Chip-Ebene geschossen. Eltern müßte man haben. Vielleicht auch, weil sich Timea mehr mit den Lichtkristallen in ihrer Kopf-Vagina beschäftigte, schluderte ich mit der Konzentration. 2 Nano-Peaks. Kein Aufräumen danach. Beförderung durch den Abteilungsleiter. Empfehlungsschreiben. Wir schrieben das Jahr 2198.

Seitdem gehe ich meiner Arbeit nach. Ich bin nicht der Beste in meinem Fach. Ich sehe das als Arbeit. Ich spule die Despoten seitdem einfach ab. Über 200 habe ich schon. Projektionsarmband vom Abteilungsleiter – Gabby. Meine Erfüllung finde ich in der Kneipe um die Ecke. Old Äeon. Dort steht ein antiker Plasma-TV. Er spielt Casablanca 3D. Rick füllt die Gläser noch voll. Noch 100 Jahre bis zur Rente.

Ich bin Despoten-Killer. Ich bin 400 Jahre alt.

Von Lena habe ich nichts mehr gehört. Moon-Goa ging pleite. Auf dem Mars planen sie jetzt einen Bora-Bora-Cube. Nur ohne Inhale und den ganzen Hippy-Scheiß. Timea brachte die Scheidungspapiere vorbei. Ganz klassisch. Auf Glaspapier.

Wir schreiben das Jahr 2370. Beim zweiten Zyklus wird alles besser. Bestimmt. 





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Mittwoch, 6. August 2014

Die Nonne in der Tonne


„Weißt du? Ich spiele in einem Theaterstück mit. Na, ja, mit den Kindern aus der Krebse.
Ich spiele die Hauptrolle. Bin die einzige mit Haaren.“

„Ja?“ Jenni warf die Sorgen aus den Haaren. „Wie heißt das Stück denn?“

„Die Nonne in der Tonne.“

„Kenne ich nicht.“ War auch egal. Sie hielt den Blick gesenkt. Dennoch fragte sie: „Worum geht es denn…“

„Ach, eine junge Nonne – das bin ich…“, sie setzte sich aufrecht hin, „…will aus dem Kloster fliehen. Sie hat sich verliebt.“ Jenni war bei Gedanken. Chloë erzählte trotzdem weiter.

„Sie klettert aus dem Fenster ihrer Zelle – so heißen die Räume, in denen die Schwestern wohnen – in den Hof. Ihr Freund – spielt der Leuko-Toni, was für ein Spasti, pff! –, na, ja, ihr Freund, so glaubt sie, wartet vor dem Tor. Die Nonne ist jung und…“ Chloë sprang auf und präsentierte sich übertrieben. „…schön. Wie ich! Ha, ha.“

Sie kam nahe, strich durch Jennis rote Haare, dann wuschelte sie. „Es tut gut, durch Haare zu wuscheln. Wenn man in der Krebse liegt.“ Jenni war baff. Chloë spielte ihr die Geschichte vor…

„Die Nonne… Sie ist fleißig und demütig. Und gehorsam und gütig. Sie hat Gründe, Nonne zu sein. Jeden Tag arbeitet sie in der Küche, kocht und putzt für die Armen. Für ihre Schwestern. Ihren einzigen Geliebten: Keusch küßt sie das Kreuz. Nur einmal in der Woche – sonntags nach der Andacht und den Chorälen – setzt sie ein Lächeln auf. Ihre schönen Lippen, und hilft im Trödelladen des Klosters aus. Um die Spenden der Woche auszusortieren. Kleider und Schuhe, Bücher und andere Dinge.“

 Chloë warf sich in den Schneidersitz.

„Sie sitzt auf einer Kiste und liest heimlich in den Büchern. Sie öffnet die Tür – im Winter läßt sie einen Schuh dazwischen –, hängt das Geöffnet!-Schild heraus und wartet sehnsüchtig – läßt sich nichts anmerken – auf Kunden. Die kommen spärlich, aber gerne. Spärlich. Aber gerne. Und bringen Düfte mit hinein, die sie nur von weiter Ferne her kennt: Aus der Erinnerung. Doch jeder Gast, wie sie ihre Kunden nennt, bringt auch ein Geschenk mit: Die Wärme eines Herzen. Das, neben dem Beten, ist der Inhalt ihres Lebens. Das gibt ihr, wenn sie abends das Geöffnet!-Schild umdreht, Kraft für die nächste Woche. Und die nächste. Und die darauf folgt. Wenn sie jeden Tag in der Küche arbeitet, kocht und putzt für die Armen. Für ihre Schwestern. Ihren einzigen Geliebten. Wenn sie keusch das Kreuz küßt. Doch dann eines Tages…“

Sie stand auf, purzelte auf den Boden, zu ihren Füßen, legte warme Freude auf die Knie, nahm Jennis Gesicht in wärmere Hände und hob ihren Kopf.

„…kommt ein junger Mann herein. Mit dunklen Haaren und Augen… Du solltest Leuko-Spasti mal mit seiner Perücke sehen! Ha, ha! Na, wie dem auch sei…“

Chloë leckte sich mit der Zunge über die Lippen.

„Er streift durch den Laden. Tut so, als ob er sie nicht sieht. Sie tut so, als ob sie das nicht sieht. Sie verkauft ihm das Buch, das sie gerade liest. An der Kasse. Sie verlieben sich auf den ersten Blick. Was sonst? Ha, ha…“

Chloë sprang auf, legte die Arme zu einem A vor die Brust und unters Kinn, tanzte sich zurück zum freien Krankenbett, stieg darauf.

„Woche für Woche treffen sie sich in der Trödelkammer, unauffällig, bis… nun, ja, sie eines Abends heimlich aus dem Fester klettert. Ihrer Zelle.“

Chloë machte es vor. Ein Bett als Theater.

„Mit den Fußspitzen findet sie Halt an einer Tonne, steigt herunter und stiehlt sich über den Hof. Doch plötzlich kommen die Äbtissin und zwei ihrer Schwestern vorbei. Schnell muß sie sich verstecken. Sie eilen heran, sie irrt umher, dann sieht sie die Tonne, rennt zurück, öffnet den Deckel, sieht hinein und versteckt sich in ihr. Sie wartet, bis die Luft rein ist. Zum Glück! Niemand entdeckt sie. Sie wartet. Lauscht. Und will wieder heraus. Und will heraus, wenn die Luft rein ist. Doch immer, wenn sie heraussteigen will, weil sie glaubt, daß die Luft rein ist, kommen Leute vorbei. Notgedrungen belauscht sie deren Gespräche. Die Zeit vergeht. Ohne, daß sie das will, denkt sie über ihr Leben nach. In ständiger Angst, der Leuko-Toni wartet nicht mehr auf sie.“

„Kommt sie denn am Ende heraus?“

„Weiß ich nicht, soweit bin ich noch nicht. Was sich versteckt, wird entdeckt. Die Freiheit hält sie gefangen. Verstehst du?“

Jenni blickte sie ratlos an.

„Sie kommt nicht frei. Je mehr sie sich auch müht. Kommt sie nicht frei. Kommt nicht frei. Sie kann sich nicht entscheiden. Entdecken, verstecken. Wagt sie es, herauszukommen, und riskiert es, erwischt zu werden? Oder riskiert sie nichts? Dann bleibt sie in der Tonne. Von mir aus ewig. Theaterprobe ist nur von 10 bis 11 Uhr.“

„Eine doofe Geschichte…“ Jenni streckte sich im Bett aus. Und fand zu einem Lächeln. Dann warf Chloë mit einem Kissen nach ihr. Sie traf. Sie las in ihrem Gesicht. Chloë fing an, laut zu lachen. Jenni verstand:

„Das hast du dir ausgedacht! Gib es zu!“

Sie sprang auf, vergaß, daß der Knöchel schmerzte, und versuchte, Chloë im Krankenzimmer wildzufangen. Das Fenster rückte sich ins Licht.

„Komm' doch! Komm' doch! Du kommst ja nicht! Da wird ja die Nonne in der Tonne verrückt! Ha, ha!“





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