"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Donnerstag, 28. August 2014

Frau Kwong war für Worte nicht zu sprechen


(Was in der Zwischenzeit geschah…)


1. bis 3. Tag: Bujumbura Spa, Hong Kong International Airport Chek Lap Kok

"我們全心全意,為旅客締造卓爾不凡的機場體驗。"



Miss Jay Jay brachte die Unerläßlichkeit eines Bades herein, in den Bambushain…
Weil. Weil ich den Ausdruck in Händen hielt. Daher.


Miss Jay Jay war eine Dienerin dieser trüben Nebel, die ein Dampfbad unerläßlich ließen. Sie goß nicht auf, sie war der Aufguß. Und dieser Guß war einer ihrer feuchtesten. 'Feucht' war nicht der richtige Ausdruck, den ich in Händen hielt. Und 'gießen' nicht das richtige Wort für einen Ort wie diesen.

Benetzen.

Doch da war noch die Wasserrohrzange. Ich verlor. Und es war eine Erleichterung, an Gewicht zu verlieren. Während.

Und während meine Oberfläche den Nebel benetzte in diesem Raum, tastete der Overall unschlüssig nach der Hand, verlieh sich die Farbe auf alle Sinngemäßen, schon inbegriffen. Doch da war noch die Wasserrohrzange. Mit der Miss Jay Jay die Temperatur des Dampfbades regelte. Sie löste, soviel konnte ich in den Schwaden erkennen, eines der Bamboo-Paneele im hinteren Teil von der Verkleidung ab und gongte fordernd gegen die dort verlegten Heißwasserrohre. Ja, sie hielt meine Zange in Händen. ‚Halten‘ war nicht das richtige Wort für einen Ort wie diesen.

Schwingen.

Schwang die Zange wie einen Schlägel und läutete den Gong der Arbeit ein. Was einen Wirbel erzeugte im Nebel. Typhoon-Belege.

“Would you, please?”

Unterschrieb ich.

Und das ‚would‘ klang auch ohne Bitte des Verlangens und übergroßes ‚L‘ des Gefallenwerdens wie in Sojasauce eingelegte Bambussprossen beim Kochen im Schon-Garer ohne Wok noch nach. Oder schon wie das ‚wood‘ des Bambushains gar.

Frau Kwong war für Worte nicht zu sprechen. Sie empfing hinter einem Pult, mit roter Seide aufgepolstert, und von einem ihrer Ohrläppchen seilte sich gerade eine Seidenraupe zur Schulter ab, um ein Muster in den ganzen Stoff einzuwirken. Sie begann gleich dort, wo sie lebte, mit ihrem Können. Und hätte ich mehr Zeit gebucht – das Rückflugdatum im Terminkalender meines mobile linear eingewoben von meinen eigenen Seidenraupen –, hätte ich sie sicher dabei beobachtet, nur beobachtet, welches Muster sie so auf wundersame Weise einkleidete. Frau Kwong notierte. Mit spitzer Miene. Irgendetwas.

Sie notierte mich. Und nach einer Weile beorderte sie meinen blauen Overall heran. Ich war überrascht, hatte ich doch mit $20 in der echten Hand, die ich aus meinem Portemonnaie herauskramte und erst noch in Euro, dann in D-Mark umrechnete, nicht damit gerechnet, außer mit $2 Wechsel. Hinter ihr versprach auf flüsternder Leinwand für jede ihrer Farben eine Anwendung Genugtuung. Genugtuung einer Massage gestaffelt nach Blütensorten, Weiden- oder Bambushain, Genugtuung einer Maskenbildung für Gesicht und Augenhaut, Genugtuung eines Ablassens im Dampfbad, Maniküre, Pediküre, Genugtuung eben für das übliche eines Preises, wessen wegen ich mich doch einließ. Sauerstoffbushaltestellen ähnlich gläserner Raucherzellen wie sie im Bang Koker Flughafen unvermeidlich waren, suchte man in dieser Sterilität – draußen – und in dieser – ihrer – Notizen vergeblich. Die Raupe krabbelte über irgendetwas und täuschte mit einem geschissenen Faden eine Unterschrift vor.

„Der Monteur? Das ich sehen gleich.“, sagte sie und ich konnte – während ich selbiges schon mit meiner Kleidung machte, die Tür zur Kabine öffnete sich, eine lächelnde Unaufdringlichkeit traute sich mit gebückter Höflichkeit entschuldigend nur als Porzellan-Arm herein, sie stellte ihre Freundlichkeit vor meinen Füßen in Badeschlappen ab: „Miss Jay Jay“ –, mich des Gefühls nicht entledigen, daß sie absichtlich die Wortreihenfolge änderte.

„Der Bambushain mich schwitzt pleite.“






*




Mittwoch, 27. August 2014

Bujumbura Spa


Wolken. Wolken. Köpfe in den Wolken. Bewegte Stämme, nicht minder die Blätterpracht.
Wolken. Wolken. Ein Wald in Regung.
Bujumbura, 28°, 4°. Out of Africa. Zwischen Lake Victoria und dem Faden Tanganyika.
Tränen. Tränen. Regenwald. Tränengas verflüssigt sich gerade…


Die Maschine spuckte ihre Zunge heraus. Der Stewart fügte noch einstudierte Höflichkeit hinzu, dann hielt ich die Bordkarte in der Hand und der Schlund des Drachen verschluckte mich. Zwölf Stunden später würgte er mich wieder aus. Halb verdaut. Aber aus.

Bujumbura Spa.

Trolley am Arm wie ein trotziges Kind, nur einen Koffer, damit man an der Quengelware Mensch nicht ständig halten mußte, dann spülte mich das Rauschen aus den Verbindungslautsprechern zwischen Arrival und Departure durch das gewellte Abflußrohr des Hong Kong International Airports in die Kanalisation des stinkenden Hafens. Dazwischen Abflußfrei der Paßkontrolle, Aufmerksamkeitstoilette in der Spiegelkontrolle, Flüchtigkeitsanhaftungen der Blicke anderer Reisenden oder Ankommenden wischte ich mir mit zitronenfrischem, heißem, weißem Frotéewaschlappen aus den Augen. Bujumbura Spa.

Bujumbura Spa stand auf einer Werbetafel und war das erste warme Lächeln, das mir Hong Kong schenkte. Ohne mir etwas dafür zu berechnen. Warum es die Ankommenden grüßte? Vielleicht war es ein Scherz der Besitzerin, die sich diesen heimlich erlaubte, in ihrer spitzgelippten Geschäftstüchtigkeit, die in vorgehaltener Faust als Etikette ihre Zähne versteckte, und flüsterte, beinahe zu leise für ein Abflußrauschen, daß es nach dem Schild nicht mehr besser werden würde, nie mehr. Für $18 die Stunde.

Der Trolley gab mir einen Ruck. Er fuhr mir in die Hacken. Und gab mir so zu verstehen, daß er nicht damit rechnete, angehalten zu werden auf dem Weg nach draußen. Nicht so nah vor der Aussicht auf ein wartendes Taxis oder der Bequemlichkeit commutierender Begleiter.
Eine Gruppe Chilenen heiratete sich zum Ausgang, erkennbar an ihren Bloussons aus Ballonseide und eingenähter Flagge am Ärmel, öffnete die Sensoren der Schiebetüren mit müder Geste eines Interkontinentalversprechens, bevor sie dann der Brautschleier aus Nebel, Dunst und Smog der Stadt zum Lüften reizte. Sie schoben mich ein wenig weiter. Hinter die Demarkationslinie, die Eitelkeit von Neugier trennte, in Gedanken, faktisch aber nie vorhanden, sah ich der Hochzeitsgesellschaft nicht ohne Neid hinterher – unmöglich eine Ordnung herzustellen, während sie um viel zu wenige Einigungen für viel zu viele rote Taxicabs, Toyota Crown Comfort, noch balzten, oder grüne New Territories Toyota Alphard sich 'For Hire' anbiederten –, bis der Werbeständer, diesmal von hinten, den Blick verstellte und alles in den Vordergrund stellte.

Dieselben Lippen, nur diesmal die von Frau Kwong, der Besitzerin, und darauf, in unglaublicher Geradlinigkeit wie ein gespitzter Bleistift, der Zeigefinger.

Vielleicht lockte das ‚Auf Wiedersehen‘-Schild mehr als das ‚Willkommen‘. Vielleicht lockte ihre Selbstsicherheit ihrer Patina mit Gold wechselnder Zahnreihen. Erinnerte mich an die Sterilität meines Auftrages, eingetrocknete Farbe vom Schreiben an Fassaden, Auslassungsausrufezeichen aus den Deckenlautsprechern, Entleerungsklatschen aus den Bäuchen der Flugzeuge, Desinfektionsrituale moderner Flughäfen, Spülurinale gleich, an denen nichts anhaften sollte, kein Mensch, kein Verbleiben, kein Behagen, außer Stechgeruch – schon entkleidete ich mich im Bambushain.

Die Tür zur Kabine öffnete sich. Eine lächelnde Unaufdringlichkeit traute sich mit gebückter Höflichkeit entschuldigend nur als Porzellan-Arm herein und stellte ihre Freundlichkeit vor meinen Füßen in Badeschlappen ab. „Trolley, Trolley.“, vergewissere sie sich, und ich fügte alle ihre R's für den Augenblick hinzu. 
Ich... öffnete ihn. Ich schob meinen Cary-Grant-Anzug beiseite, darunter kam ein blauer Arbeits-Overall zum Vorschein. Der geschnitzte Elephant aus Backelit ritt auf seinen Latzreißverschlüssen.

Umgezogen.

Ganesha verschwand als Glücksbringer, ein letzter Blick in den Trolley. Ein Fach klappte auf. Darunter: Werkzeug. Das Werkzeug eines Klempners.


Zwei Wochen später...


Die Maschine spuckte ihre Zunge heraus. Der Stewart fügte noch einstudierte Höflichkeit hinzu, dann hielt ich die Bordkarte in der Hand und der Schlund des Drachen verschluckte mich. Zwölf Stunden später würgte er mich wieder aus. Halb verdaut. Aber aus.






*