"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Mittwoch, 3. September 2014

Frontberichterstatter


9.9.:   „Mein erster Tag an der Front. Im Schützengraben gelegen. Alles ruhig geblieben. Habe beinahe einen Daumen verloren. Der Sanitäter sagt, die Pfeile wird den Nagel richten. Habe 'Feinde' statt 'Pfeile' verstanden. Die erste Nacht überstanden. Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“


10.9.:  „Mein zweiter Tag an der Front. Hermann kam vorbei. Er brachte Dosenfutter mit. Wir aßen. Er stand auf. Die Büchse vor dem Bauch. Ein Peng. Meine zweite Kriegsverletzung, meine erste, beste Uniform versaut. Ob die Flecken mit normaler Seife rausgehen? Nein. Geht nicht. Das Stück steckt noch in Hermanns Bauch. Der Sanitäter meinte, das sollte vorerst die Blutung stoppen. Ob sein Blut jetzt reiner ist? Es tropft so glasig auf den Boden des Grabens nieder. Die zweite Nacht überstanden. Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“


11.9.:  „Mein dritter Tag an der Front. Heute Vorstoß hinter feindlichen Linien: Sah nur Striche in der Landschaft. Bäume, sagte der Korporal. Bäume. Die Pfütze im Schützengraben spannte einen Regenbogen. Tauchte meine Zahnbürste darin ein. Am Morgen. Seife. Will nicht an Karies sterben. Zäune, sagte ich dem Korporal. 'Zäune' habe ich verstanden. Er lächelte mich wie ein Wasserfarbmalkasten an. Zähne, verstand der Korporal. Zähne putzen nicht vergessen. Er holte seine Zahnbürste heraus. Die dritte Nacht überstanden. Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“


12.9.:   „Mein vierter Tag an der Front. Meinen ersten, echten Toten gesehen. Er war ganz in weiß gekleidet. Er wandelte über das Schlachtfeld, als wäre er nicht er selbst gewesen. Der Korporal sagte, er kam geradewegs vom Himmel. So leuchtete er. Der Sanitäter sagte, er sei ein Fallschirmspringer. Er stand so da. Ganz ruhig, nur die Arme etwas erhoben. Sein Schirm schwebte wie eine Qualle hoch über dem Geschehen. Einfach so da. Als wollte ihn der Wind nicht hergeben. Fäden. An Fäden. Das hielt ihn am Stehen. Die Arme leicht erhoben. Der Korporal meinte, jemand müßte sie abschneiden. Meinen ersten, echten Toten gesehen. Er wandelte über das Schlachtfeld. Hell erleuchtet, in weißer Nacht. Die vierte Nacht überstanden. Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“


13.9.:   „Mein fünfter Tag an der Front. Wir alle waren zum Schwimmen. Die gesamte Kompanie, nein, kein Trupp. Die gesamte Kompanie, sagte der Kapitän. Wir sollten unsere Badesachen einpacken. Ich weiß nicht. Fritze sprang vom Turm. Gleich von erster Stufe. Wie ein Springer. ...habe noch nie so einen eleganten Köpper gesehen. Die Hände schwangen nach außen, dann weiter zur Mitte. Er lächelte. Er sah so glücklich dabei aus. In seiner Schwebe. Gegen den Himmel. Dann tauchte er in den Boden ein. Auf ganzer Länge. Dann auch sein Gewehr. Hat ihn einfach verschluckt. Einfach so. Danach sprangen wir alle aus dem Schützengraben – und schwammen hinterher. Schwimmen. Wir alle waren zum Schwimmen. Die fünfte Nacht überstanden. Hoffentlich stehe ich das Liegen durch.“




Sonntag, 31. August 2014

Flirting with Desaster


Aus dem Korb der Früchte, noch warm vom Pflücken doch...


Als Paris sich mit seinen Zweifeln belud, war ihm nicht bewußt, daß er überhaupt etwas in Händen trug.
Aus dem Korb der Früchte. Drei Schritte zurück. Er hielt sie vor. Ins Licht, nein, davor.
Und aus seiner Sicht der Dinge waren sie leer.
Gab nichts her, als er sie ausstreckte, außer gutes Wollen.

Und als er sich so sah, wie schwer sie wurden, als sie sich entluden
– je mehr das Wort, das später folgte, hörbar an der Schale nagte – war nichts mehr wie zuvor.

War sich nicht im Klaren
– je mehr sich dieses Nomen aus der Frucht enthüllte, so man Schwere sehen wollte –, daß er umso weniger erfüllte.
Noch mehr, als er an die Wärme anderer Hände stoßen sollte.

Furcht nicht.

Wundern war das Wort.

Nichts besaß. Am wenigsten das, was er selber wollte.
Weil er nichts besaß, außer dem, was niemand hören wollte.

Als Paris seine Zweifel aus den Händen lud, war im nicht bewußt, daß er sie auf feine Schultern lud.
War ihm nicht bewußt, als er ohne Sinne schritt, daß sich in diesem Sinne noch viel mehr beschreiben ließe.
Aber hielt sich kurz, an mich, den Schreiber.

Der nichts besaß, außer seine Zeilen – reichte seine Last gleich weiter –, und nicht mal Schultern, Umgang kaum, um Bürde hinterherzutragen.
Fehlten also Worte.

Schwer beladen, humpelte ich als Diener – noch unbezahlt – seiner Würde hinterher.
Verlor so auch noch Silben, die an bestimmten Stellen wichtig wurden, manchmal Letter, im Torkeln recht noch wacker.

Stieg Paris auf eine Leiter, Rocksaum aus Geländer. Entfielen mir bei jeder Stufe ganze Zeilen, blickte auf meine Füße, darunter Wasser, verlor ich aus den Augen seine Worte – auf einem Schiff im Wanken –, und meine Orte waren dem so gleich.

Als Paris seine Segel setzte – mit leichter Hand und Kleiderstoff mit der zweiten an weicher Hüfte –, in See stach, fiel ich am Rande auf die Planke.
Eine Hand, um Halt zu finden. Vor dem Mund die zweite, wegen dem Wanken – ich, der Schreiber.

An Lande in Herzen stach, mit jedem Mast am Winde, um die sich Apfelgeschichten eines Stengels um Gesichter rankten.

Freude nicht.

Bangen war das Wort. Das meine. Das mir eine Möwe aus dem Schnabel blies. Das ich aus den zurückgelassenen Augenlanden am Ufer kratzte.

Ein Stich nach Osten, ein Stich nach Westen, stieß ein Stich nach Süden, folgte ein Stich nach Norden.
Dann – begann das Morden.


Was ist aus ihnen geworden?

Meinen Worten, die ich Paris hinterhertrug.

Hörte, nach dem Trug, nach Tausend Morgen, ein Horn.
Ist daraus geworden bloß.
Von Lippen, bloßen, scharf geblasen: Eris.

Tauschten Letter – ist aus o ein i geworden –, Schiff zu Floß.
Paris tot. Und ich, der Schreiber, naß entkommen.

Ihr Tönen?


„Der Bazaar der Möglichkeiten...
...füllt das Horn der Lautmalerei mit der Reichhaltigkeit der Ebensucht.“


Kein Grund, zu klagen.


Nun, vielleicht war das nur ihre Art, „Hallo“ zu sagen.







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(Ode/r an Homer)