"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Mittwoch, 28. Januar 2015

Ein Mann auf der Lippe: Der Lippenstift-Vorfall


„Ich empfehle Dir, die Zyankali-Tablette, die Dir mit der Geburt ausgehändigt wurde, gleich mit Wodka runterzuschlucken. Das erspart Dir die Nebenwirkungen eines Katers am nächsten Morgen.

Nein.

Nur eine Kapsel pro Leben!“


Sagte sie und machte eine Bewegung mit der flachen Hand, die wohl ein Schlucken andeuten wollte.

Und hielt wohl den Nuller-Jahre-Punk, der in der einen eine Dose Feldschlösschen und in der anderen einen weißen Plastikbecher schwenkte und um eine Münze zu den schon darin befindlichen bat, für einen dieser neumodischen Pick-up-Artists, die jungen Frauen ihre Jungfräulichkeit rauben wollten zwischen Sehnsucht und Friedrichstraße in Berlin samstags kurz vor Zwei und S-Bahn-Wahnsinn. Wo auch sonst? Wollten Frauen jemals angesprochen werden, dann im dreckigen Milieu einer schwitzenden Straße. Deodorantisiert quetschte sie sich an ihm vorbei und schickte zuckende Ringe aus ihren Augen. Sie fluchte etwas vor sich hin. Die Bewegungen, die ihre Zunge dabei machte, massierten meinen Rücken. Ich hielt meine Ohren zu. Und stellte mir Benjamin Blümchens Rüssel vor, der mich mit seinem Tööröö zum Spielen auf eine Sommerwiese einlud. Währenddessen saß ich auf ihrer Lippe und nahm mir vor, niemals echte Frauen anzusprechen. Und sei es nur, um nach dem Weg zu dieser Sommerwiese zu fragen. Waren komische Zeiten heutzutage. Jungfräulichkeit war wohl heilig. Eine Religion muß es wohl sein, von der ich noch nichts wußte, wider dem Schmutz. Mit Gertrude Stein als Päpstin. Jungfräulichkeit war vergänglich war vergänglich war vergänglich und Vergänglichkeit wurde in Jahren mal Augenringe pro eiligem Gang gemessen. Sie hatte es sehr eilig heute in Mitte.

Ich begutachtete derweil die Konzeptfrisur der Bäckereifachverkäuferin, die im Nebenjob Sozialpädagogik Schwerpunkt Erwachsenenbildung studierte – erkennbar an ihrem Gelber-Smiley-T-Shirt – und Brötchen-to-go auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegen Entgelt anbot. Ich kam nicht umhin, mir vorzustellen, daß sie die Brötchenkäufer darüber belehrte, daß das Brötchen das Kauen auch wollen muß.  Immerhin. Der Punk konnte sich mit seinem ersammelten Geld so ein Brötchen leisten. Man sah, wie stolz er den Inhalt des Plastikbechers vor ihren Augenringen ausleerte. Ich beneidete ihn. Für seine Kurzsicht.

Sie rümpfte kurz die Nase, als sie am Sex-Shop im Bahnhof Friedrichstraße vorbei kam und vergewisserte sich, ob sie auf der richtigen Ebene ihrer Verachtung gelandet war. Von meiner Position auf ihrer Lippe glaubte ich aber einen etwas zu festen Gang verspürt zu haben, der eine Versteifung im Sehen durch eine andere im Gehen überspielen wollte und sich auf die Anspannung der Lippe übertrug, auf der ich ja nun sitzen mußte, während sie log. Ich bewegte mich ja auf den Lippen ihrer Lügen. Jungfräulichkeit vertrug sich nicht mit Verlangen, dachte ich hämisch. Heilig. Gertrude Stein. Päpstin. Religion. Vertrugen sich mit lügen schon. Vertrugen sich nicht beim Gehen. Aber Jungfräulichkeit war ja vergänglich. Also bestrafte sie einen zufällig aus der Tür des Sex-Shops gehenden Mann unbestimmten Alters mit umgänglich feministischer Nichtbeachtung, was das Höchste einer emanzipatorisch erzogenen jungen Frau war – neben Gefallsucht samt Empörung über Gefallsucht, Wichtigtuerei und Schokolade –, was allerdings dazu führte, daß sie ihn trottelig anrempelte, was wiederum für Aufmerksamkeit sorgte, die ihr nun peinlich war, könnte der arme Mann mit seinem Tütchen, durch das man Ekelerregendes erahnen konnte, doch denken, sie sei eine dieser neumodischen Pick-up-Artistinnen, die alle nur so vor Sex-Shops ahnungslosen Männer auflauern und sich in das Verlangen krallen. Krallen. Krallen. Hier: Arcylfaserjacke. Sie hinterließ einen sichtbaren Abdruck auf seinem Ärmel.

„‘Tschuldigung.“, entschuldigte sich der Mann pflichtschuldig. Ob er sich dafür entschuldigte, ein Mann zu sein, was nahe lag – oder nur so, weil es üblich war, sich zu entschuldigen, wenn sich eine junge Frau an einen festkrallte, während man einen Sex-Shop verließ und schon einen anderen Abendverlauf plante und an Frauen gar nicht mehr gewohnt war oder sich entschuldigte, daß er eine junge Frau mit seiner Entschuldigung ja ansprach, die nicht angesprochen werden wollte, weil sie eine Jungfrau war und ihr ihre Jungfräulichkeit allein dadurch schon nehmen konnte, indem er sie ansprach, was man ja erwarten konnte – wie gesagt, es waren komische Zeiten –, konnte ich nicht mehr überblicken, weil ich gerade von der S-Bahn-Anzeige abgelenkt war, die wider Erwarten anzeigte, daß sich die Bahn nach Kreuzberg um emanzipierte 10 Minuten verspätete.

Natürlich. Für die Verhältnisse, die eine S-Bahn bot, von der man nichts erwartete, außer gelb zu sein, war diese gelb  u n d  pünktlich. Soviel zu Erwartungen. Doch allein dadurch konnte man Menschen, die kurz von ihren Smartphones aufblickten, eine Freude bereiten, beobachtete ich von hier oben auf meiner Lippe. Bevor sie wieder auf die Displays starrten, und man sah ihre Freude verwelken. Und während ich mich noch fragte, wozu es denn diese ganzen Applikationen gab, die doch das Verwelken verhindern sollten, während man auf diese Displays starrte, und bemerkte, daß diese Menschen im Minutentakt aufblühten und wieder verwelkten und auf das nächste Aufblühen warteten, so mußte es wohl sein, wenn sich Applikationen meldeten, öffneten sich die Türen der eingefahrenen S-Bahn wie die Blüten einer Knospe und entließ Menschen jeglicher Couleur wie bestäubte Pollen aus deren Mitte. Sie nieste. Und ich mußte mich schon richtig festhalten hier auf ihrer Lippe, damit ich nicht aus ihrem Mund ausgestoßen wurde. Verlor aber den Zahnseide-Stick, den ich als Balancierstange genutzt hatte, um mich elegant auf ihren Lippen bewegen zu können.

Noch immer mürrisch bestieg sie die Bahn – wie sollte es anders sein – nach Kreuzberg.

Sie musterte die Mitfahrenden, fand einen Platz, stöpselte sich Kopfhörer ein und stöpselte die Umgebung aus. Neigte den Kopf zur Scheibe. Um sich auszublenden. Nutzte aber die Scheibe als Spiegel, um alles im Abteil einzublenden. Vielleicht braucht es Musik wie in einem Film, das Gesehene zu verarbeiten. Oder es brauchte Musik, alles mit Emotionen zu versehen. Mir war es gleich. Ich hörte nur Rauschen in ihrer Mundhöhle. Nun wollte ich aber eigentlich erzählen, wie es zu dem Lippenstift-Vorfall kam.

Das kam so: Drei Halbstarke ließen ihre Manieren vermissen, nahmen breitbeinig einen Vierersitzplatz in Beschlag, legten ihre Sneaker auf den Plätzen ab und unterhielten sich lautstark über Bushido, Frauen und Autos. Und ich wurde das Gefühl nicht los, daß das im abstrakten Zusammenhang mit einer Schwarzfahrt in einer S-Bahn durchaus einen Sinn ergibt. Die drei verglichen gerade Frauen mit Autos. Je nach Modell und Marke kategorisierten sie diese in Werterhalt, Unterhaltungskosten und Wiederverkaufspreis ein. Bushido war wohl nur der Katalysator, den jedes moderne Auto besaß. Ich übersetzte aus ihrer Sprache: „Geile Karre, kannste lange mit knattern. Coachbuilding, kannste pimpen, aufpassen, daß kein Kombi wird! Geprüft, hat noch TÜV.“

Junge Frauen, heilige Jungfrauen, mußte man wissen verglichen sich nicht mit Autos. Das Letzte, mit dem sie sich verglichen, waren unbelebte Dinge. Sie vergleichen sich mit anderen belebten Dingen: Jungen Frauen, heiligen Jungfrauen. Durfte aber keiner wissen. Und vergleichen sich mit jungen Frauen, nicht so heiligen Jungfrauen, die gerne von Männern aufgerissen werden, die Frauen mit Karren vergleichen. Durfte aber erst recht keiner wissen. Und ich spürte, wie es plötzlich ungemütlich auf meiner Unterlippe wurde. Erst verbissen, dann fing sie an, zu zittern. Nicht aus Angst, aus Wut. Ich wurde richtig durchgeschüttelt. Ich hatte schon Sorge, meine gemütliche Position zu verlieren. Dann zog sie ihre Handtasche zu Rate. Kramte. Fand, was sie suchte. Hielt einen Lippenstift in der einen, in der anderen Hand einen Schminkspiegel. Und malte sich die Lippen leuchtend rot an. Machte sich hübsch. Ich ließ es über mich ergehen. War dann selbst von Kopf bis Füßchen angemalt. Und versuchte auf dem glitschigen Untergrund doch noch irgendwie Haltung zu bewahren, um die sie rang. Sie drehte den Lippenstift zu, warf ihn und Spiegel in die Handtasche, dann hielt es sie nicht mehr auf dem Platz. Jetzt folgte die zweithöchste Regung, die eine junge, emanzipierte Frau in der Öffentlichkeit echter Menschen, die auch als potentielle Sexualpartner in Frage kämen, allein, um einer anderen Frau es zu verhindern, es zu werden – und sei es, sie hießen Ferrari, Bentley oder Rolls-Royce –, zeigen konnte:

Sie setzte sich um.

„Tz.“

Von Umparken würde ich nicht sprechen. Und natürlich war ich, der auf der Lippe einer Frau saß, die log, schon ein wenig enttäuscht. Ich hätte mir mehr Drama vorgestellt. Daß sie beim Zurücksetzen wenigstens einen Poller rammte. Zumindest einen von dreien. So änderte man nicht das Straßenbild. Einen Aufschrei aus gefühlten Worten, daß diese Bengel es nicht weit im Leben bringen würden, nicht mal zu einem Führerschein, da sie so respektlos über Frauen sprächen, wäre doch das Mindeste gewesen.

War das Lippenschminken das Übliche – sich mit jungen Frauen vergleichen, die schnellen Sex haben, war psychologisch wohl vertretbar; Konkurrenzgebaren –, das Umsetzen das zweithöchste, so war das nun Folgende das Höchste an Regung im Leben einer modernen, jungen Frau, auf deren Lippe ich mich bewegte, die log und die ich nicht mit meinem kleinen Problem in diesem Moment behelligen wollte; wie ich zum Beispiel aus dieser für mich unangenehmen Lage herauskommen wollte. Viele Kommas und zwei Semikolons später holte sie ihr Smartphone hervor, rief eine der Dutzenden Applikationen auf, die jetzt so modisch waren, tippte hektisch etwas hinein – und wenige Sekunden nachdem sah man hier und da in Gesichtern anderer Fahrgäste etwas aufblühen. Man sah sogar vereinzelt Köpfe, die sich aus der Starre von Displays lösten. Schauten sich um. Und ja. Einige bemerkten sogar, daß sie in einer Bahn waren. Wie aufregend. Und vielleicht sah man auch hier und da ein Lächeln aufblitzen. Dann – weitere Sekunden danach verwelkten diese Gesichter wieder, die Köpfe nickten sich nach unten, warteten wohl auf etwas anderes und die S-Bahn fuhr in Kreuzberg ein.

Die Tür flog zu. Der Hausschlüssel landete auf der Kommode. Es war auch nicht hilfreich, daß sie eine Fluppe zog. Ich ächzte darunter, zwischen ihren Lippen zerquetscht zu werden.

Sie reagierte sich mit Hausarbeit ab. Eine junge, emanzipierte Frau regte sich mit Hausarbeit ab. Gut für mich. Sie schnaubte dabei. Zumindest hielt das den Mund offen und mir blieb Platz vor ihren fletschenden Zahnreihen. Ich erinnerte mich an unsere Beziehung, als ich noch groß war und nicht auf ihrer Lippe wohnte. Und mich nicht auf den Lippen ihrer Lügen bewegen mußte. Sie hielt den Haushalt immer gut in Schuß. Sollte das mir was sagen?

Ach, übrigens. Was sie in ihr Smartphone tippte?  Ich denke, sie kritisierte junge Frauen dafür, daß sie sich laut kichernd für junge Männer interessierten, die sich nur für Autos interessierten. Ich denke, es war ein gesellschaftskritischer Ansatz:


„Natürlich darf man Frauen nicht mit Autos vergleichen. Das wäre schließlich sexistisch.


Natürlich muß man sie mit Staubsaugern vergleichen:

Sie finden noch den letzten Dreck gut und machen dabei viel Lärm.“



Ich überlege noch.






*






Wie es weiter geht: Der Handkuß – meine Chance von der Lippe zu springen!




Freitag, 23. Januar 2015

Ein Mann auf der Lippe: Lippenlügen


„Ich bewege mich auf den Lippen Deiner Lügen.“

Die Stange war das Problem. Ja, das war übel. Ich mußte aufpassen, daß sie nicht ins Gehege mit den Lippenwülsten kam. Und ich so herunterfallen. Was mir zugutekam? Daß sie den Mund offen hielt. Hatte sie etwas gesehen, daß sie so in Starre hielt. Konnte nicht beobachten, was sie offen hielt. Ich balancierte schwitzend auf ihrer Unterlippe. Wie ich dahin kam? Das war eine seltsame Geschichte.

Das letzte, an das ich mich erinnerte, bevor ich in diese mißliche Lage geriet, war, daß ich neben ihr im Bett lag. Es war schon weit nach Mitternacht, und eine dieser Nächte, denen man nicht seine Träume anvertrauen sollte – der Mond schien –, wenn man morgens noch beim Duschen hinterm Vorhang nicht erschrecken wollte. Sie schlief unruhig und drehte sich zur Seite, was mir die Decke nahm. Ich zog am Zipfel, vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Sie drehte sich dabei zurück. So landeten ihre Lippen auf meinen. Mit diesem Kuß schlief ich schließlich ein.

Ich war noch müde und hörte ein langes Gähnen. Ob es mein eigenes war, ließ sich nicht bestimmen. Wie, wenn ein Zug in einen Tunnel einfuhr. Dachte ich und schmatzte. Auch spürte ich den Wind dabei. Mein Kopf lag noch auf seinen Armen, meine Beine waren angewinkelt, wie als Kind, um sich selber Wärme zu schenken. Ich lag weich gebettet, nur war es hell und ich verspürte ein wiederkehrendes Beben. Und wieder ein Gähnen. Ich öffnete ungern meine Augen. Das Licht schien zu hell für meine müden Lider. Ich tastete das Bett ab. Was ich zuerst nicht glauben konnte, war es doch weicher und wärmer als gewohnt. Die Augen nun ganz offen: Über mir ein roter Wulst. Jetzt erst wurde mir klar: Ich lag auf ihrer Unterlippe. Sie torkelte ins Bad, die Neonröhre strahlte, und das Beben kam von ihrem Gehen. Und die Lippen wollten sich gerade wieder schließen, ah!

Bevor ich zerquetscht wurde und mich fragen konnte, wie ich überhaupt in diese unangenehme Lage kommen konnte, hielt die obere Lippe… inne. Im letzten Augenblick. Zum Glück. Nun fragte ich mich, ob sie mich im Badezimmerspiegel sah und daher den Mund vor Staunen offen hielt. Ich stand auf und winkte mit den Armen. Ich glaube, ich rief sogar. Doch soweit es von hier zu erkennen war, bemerkte sie mein Herumzappeln nicht. Ich hielt mich so gut es ging gerade und stützte mich mit erhobenen Armen an ihrer oberen Lippe ab. Sie ah-te. Jetzt dachte ich, sie hätte mich bemerkt. Ich sah im Spiegel den erschrockenen Ausdruck in ihrem Gesicht, den man sich vorstellte, wenn ein erwachsener Mann nach dem Schlafen auf den Lippen einer Frau erwacht. Ich stellte mich schon auf stockende Erklärungen ein. Ihre Hände griffen nun Richtung Ausdruck. Und ich sah mich schon meiner mißlichen Lage befreit. Doch dann griffen alle Finger einer erschrockenen Frau am Morgen nach einer traumlosen Nacht – nach einem Pickel auf der rechten Backe. Ah! Aus dem Rachen. So laut ah-te sie wieder, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte. Und beinahe die hart erkämpfte Balance verlor. Das Schlimmste, was mir passieren konnte, dachte ich. Das Schlimmste, was einer Frau passieren konnte, dachte sie, war ein Pickel auf der Backe, der sich über Nacht dort eingenistet hatte, und noch nicht reif zum Ausdrücken war. Verstehe einer die Frauen. Aber ich war doch auch noch da!

Ich überspringe die Maßnahmen, die sie unternahm, den Pickel ungeschehen zu machen. Sah Tuben, Pasten, Dosen, die ich noch nie im Badezimmer bemerkt hatte. Waren so viele da. Ich verschweige auch die demütigende Erfahrung, einem rotierenden, elektrischen Zahnbürstenkopf auszuweichen – ich quetschte mich in den letzten Mundwinkel –, verschweige es, vom Zahnpastaschaum eingesaut geworden zu sein, fast vom Wassergurgeln erst in die Mundhöhle, dann ins Waschbecken geworfen zu werden und erzähle lieber von dieser Stange, die mir wahrscheinlich mein Leben rettete. Sie führte einen weißen Zahnseide-Stick zu den Zähnen, wohl, weil sie noch ein Krümelchen vom gestrigen Mohnkuchen zwischen den Lücken erblickte. Er kam auf mich zu – und ich ergriff meine Chance! Ich schnappte ihn ihr gleich aus den Händen, als er in Reichweite kam, was sie überraschte. Fragte sie sich sicher, wohin er war. Aber ich hielt den Stick triumphierend zwischen aufgebrachten Fingern. So aufgeregt war ich noch nie in meinem Leben gewesen. Vielleicht nur so, wie ich es war, als ich als Kind mal einen echten 50-Mark-Schein vor der Kellertür gefunden hatte. Hielt die Stange nun wie ein Seiltänzer und balancierte auf ihrer Lippe. Von einer Seite zur anderen. Was mir Sicherheit gab. Mußte nur aufpassen, daß die Stange nicht mit den Lippenwülsten ins Gehege kam. Oben und unten. Und stellte mich – so realistisch schätzte ich meine Lage ein – schon mal auf eine längere Zeit hier auf ihrer Unterlippe ein.

 „Ich bewege mich auf den Lippen Deiner Lügen.“

Kam mir in den Sinn. Als sie nicht mal bemerkte, daß ich im ungemachten Bett fehlte, während sie die Wohnung zur Arbeit verließ. Nicht mal ein langgezogenes Tschüß! Wie sie es immer tat. Nach all den Jahren inniger Beziehung. Mal sehen. Wenn ich sie auf der Lippe durch ihren Alltag begleite, vielleicht lerne ich sie so besser kennen. Mein erster Eindruck, als sie im Büro ankam und vor dem PC arbeitete: Das kann mitunter lange dauern. Sehr lange.

Ich setzte mich. Während Excel-Tabellen so groß wie im Autokino vor meinen Augen auftauchten und wieder verschwanden. Und ließ meine Beine von ihrer Unterlippe baumeln. Die Stange ruhte dabei schlapp auf dem Schoß. Dann ließ ich sie herunter wie eine Angel. Manchmal kam ein Stift zu Besuch zwischen den Lippen. Er wanderte hin und her. Sie murmelte etwas. Ich rückte etwas zur Seite und beachtete ihn nicht weiter. Ich gestehe. Ich habe mir das Leben einer modernen Frau aufregender vorgestellt. Aber das wird sich ändern. Gleich ist Mittag. Es gibt Ratatouille. Ich hörte, wie sie es zu einer Kollegin sagte. Seit wann war sie Vegetarierin? Hatte sie mich auch dabei angelogen? Ich richte mich schon mal auf ein Mundmassaker ein. Die Kollegin nimmt das Jägerschnitzel. Und sonst? Ein erstes Zwischenfazit konnte ich schon ziehen. Die Lippen einer Frau werden im Allgemeinen überschätzt. Ist so, als säße man auf einer Luftmatratze. Man ist am See, macht sich die Mühe, sie aufzublasen. Legt sich drauf. Und dann kommt doch immer Regen. Und muß, während man naß wird, die Luft wieder rauskriegen. Sie hatte eine sehr feuchte Aussprache. Was mir noch nie auffiel, als ich noch groß war. Und sie redete. Und redete. War mir auch das neu. Pflegten wir doch unsere Beziehung in harmonischer Stille.

„Männer!“, klagte sie gegenüber der Kollegin, die schadenfroh ihren Pickel musterte, um davon abzulenken. Männer, lernte ich, waren immer dazu gut, um von was abzulenken.

„Männer sind wie Herpes: Sie tauchen unvermittelt auf, hängen an Deinen Lippen, bereiten nur Kummer und Schmerz. Und dann verschwinden sie wieder. Haben sich aber für den Rest des Lebens in Dir eingenistet.“

Und vielleicht dachte ich auch, was jeder sofort denken würde, der sich auf den Lippen einer Frau bewegt: Daß das alles nur ein böser Traum sei. Ein feuchter. Aber nur ein Traum.

Nur, wenn, dann wachte ich nicht auf. So sehr ich mich auch bemühte. Gab es beim Träumen doch einen Mechanismus, der einen erwachen ließ, wenn der Traum zu unangenehm werden drohte oder sich in einer Endlosschleife zu verheddern. So sah ich das erst einmal als gegeben an. Und so saß ich nun auf der Lippe einer Frau. Wie Herpes. Und beruhigte mich. Auch der ging ja irgendwann wieder mal weg.


Mache also das Beste daraus. Und erzähle von nun an – von Zeit zu Zeit –, was ich auf den Lippen einer Frau, die lügt, so erlebe.






*






Wie es weiter geht: Der Lippenstift-Vorfall