"Hallo" ist das Pfandleihhaus des "Aufwiedersehn"...



Miniaturen des Absurden

Betrete mit der Miene der Abfälligkeit und erhalte Einlaß

Vom Jardin du Luxembourg zum Panthéon brauchte es schon mehr als platonisches Innehalten, um sich Gehör für Gesehenes zu verschaffen. Da...

Samstag, 3. Februar 2018

Being Johanna Malkovich


Hylas und die Nymphen, Zweit-Interpretation


Empfehlenswertes sollte niemals – ich sage: niemals! – Zugang finden. Und es gibt ja viele Zugänge: 

Aufgang, Aufrechter-Gang, Abgang, Gang-Mitglied, Untergang, Umgang, Vorgang, Nachgang, Ganges, partielle Gang-Finsternis, Gag-Gang, Weggang, Gangwahl, Singsang, Sanggang, Kriechgang, Arschgang, Gangesmitgliedschaft.

Das Schöne an Literatur ist ja, man sieht ihr das Alter nicht gang.


Was mich gleich zu Johanna Malkovich brachte. Being Johanna Malkovich – im weiteren Verlauf dieses Ganges kurz BJM genannt – öffnete ihre Mundlippen, und daraus faltete sich ihre Zungentreppe wie bei einem Privatjet die Treppe, wenn sich bei einem Privatjet im Privat-Hangar die Privat-Treppe öffnet, rot weil mit Teppich beschlagen, und am unteren Ende der Treppe zwei Leibwächter stehen, links und rechts, in schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte, schwarzer Sonnenbrille und weißer, geknördelter Kordel zum Ohr. Was auch immer durch die Kordel drang, und warum diese kringelte, und ob die Worte dann wegen dem Kringeln länger durch die Kordel zum Ohr brauchen, brachte mich durchgewinkt auf ihre Treppe: Die Zunge ist der Zugang zum Kopf einer Frau, dachte ich, und spuckte erstmal auf die unterste Stufe. Pah!, dachte ich. Eine Treppe sollte man immer spuckend betreten. So weiß man stets, wo der Ausgang ist und wo die unterste Stufe, wie beim Ariadne-Faden beim Zugang zum Labyrinth von Minos, was bei mir ein Garten ist und bei BJM Katakomben mit Totenschädeln. Und weiß, wie viel Zeit vergangen ist: Ist die Spucke noch feucht, dann war man dem Irrsinn noch entronnen. Ist die Spucke getrocknet, ist dem Irrsinn noch zu entrinnen.

Glücklicherweise war die Lippentreppe keine Spindeltreppe, sondern gerade, und so stieg ich gerade die Stufen hoch, und war schon bei den Lippen, und dann schon war ich im Schlund von BJM. Und ich berichte von nun an Grauenhaftes. Zarte Zungen sollten daher von nun an nicht folgen. Was sich im Inneren von BJM zutrug ist nur den Hartgesottensten zuzumuten.

Und sie sollten nun den Abgang zu der Spucke machen, die sich auf der untersten Stufe glücklicherweise befindet, um zum Ausgang sicheren Schrittes zu finden. Dort warten zwei Leibwächter, und die begleiten sie dann in die Obhut des sicheren Hangars. Vielleicht steht in der hinteren Ecke noch ein Kaffeevollautomat. Dort können sie sich einen Kaffee gönnen und die nachfolgende Zeit beidhändig an wärmender Tasse verbringen. Sie können die Pullover-Ärmel über die Handgelenke ziehen und den Kaffeedampf aus der Tasse pusten, sollte der Kaffee noch etwas zu heiß für nichtabschweifende Gedanken sein. Sie können sich vorstellen, eine schöne, junge Frau zu sein, und ihr Blick dringt seitlich des Privatflugzeugs zur Startbahn ein. Sie können sich auch häßlich vorstellen, mit ungemachten Haaren, letzter Schminke von haßletzter Nacht und abgeplatzten Fingernagel-Nagellackresten, was von heißen Partynächten kündet. Im letzten Monat. Und der letzte Monat ist immer das Leben, was sie zu leben wünschten.

Aber jetzt ist nicht mehr der letzte Monat und die Zeit für den letzten Monat. Jetzt hängen sie über der dampfenden Tasse Kaffee und schauen auf ihre abgeplatzten Nagellack-Lebenstage. Ja, sie werden sich diesen Monat wieder die Mühe machen, diesen Leben hinzuzufügen und schön zu sein. 

Aber sie könnten gleich Strichnin dem Kaffee hinzufügen, was wenigstens Magenkrämpfe hinzufügte und dann wären sie zumindest leidend schön. Sie könnten einen Photographen beauftragen, um diesen Moment festzuhalten. Ihre fettigen Haare sollten auf die gerade aufgehende Sonne treffen. Lassen Sie sich von der Seite knipsen.


Wer mir nun aber in den Kopf von BJM folgt, und sich dem Grauen aussetzen möchte, hat eh nichts mehr vom Leben zu erwarten und wird die Gelegenheit nutzen, vor dem erlösenden Ableben noch Zeuge zu sein, vor dem nun Folgendem, vor dem ich eindrücklich warne: BJMs Kopf war geräumiger als erwartet. Etwas unaufgeräumt, wie ich es von belebter Wohnung erwartete und mit blaßroten Vorhängen ausgeschlagen. Wenn das nicht Grauen erzeugt?

Ein Zugang öffnete sich nach unten, dort war der Gaumen – ich konnte nicht anders, ich kitzelte kurz, wie bei einer Box-Bombe –, ein dunkles Loch drang nach oben. Eine Nasenscheidewand schied in zwei Löcher, die hellen Ausblick zum Hangar gaben. Dort hindurch sah ich Schlürfende, die in beiden Händen eine Tasse hielten und Kaffee schlürften. Sie zupften an ihren Ärmelchen, damit diese die halben Hände bedeckten. Von Zeit zu Zeit blickten sie über den Rand der Tasse. Was Welt! Ihre Augen erblickten etwas, lebten kurz auf, als sie auf dem Flugfeld wohl einen Vogel erblickten, und ob das nicht gefährlich für startende und landende Flugzeuge war, verstarben wieder, als kein Vogel gegen eine Turbine schlug.

Ich wählte den Durchgang nach oben, ins Belebte, und war nun im Kopf von BJM angelangt. Ja, dachte ich. So hatte ich mir immer die Bat-Cave vorgestellt. Mit all diesen Spielzeugen und schnittigen Fahrzeugen und Carly-Simon-Musik dudelnd aus Beolab-Lautsprechern:

„At the age of thirty-seven, you realise, you’ll never drive through Paris, in a sports car, with the warm wind in your hair.“

Neben den zum Duo gestellten Bang&Olufsen-Lautsprechern, die im Doppelpack gut und gerne 26.000 € kosten und die jetzt 99 Cent-Musik abspielten, gesellten sich folgende, alle in rot, sorgsam geparkte Autos: Ein Porsche 911 2.7 RS, ein Ferrari 812 Superfast, ein Lamborghini Huracan Spyder. Niemand würde an den Vitra-Plastikstühlen Anstoß nehmen und auf dem Boden lagen durcheinander Erinnerungen an ein zukünftiges Leben als Bilder in Wachsmalkreide.

Warum sollte das mich interessieren?, dachte ich schroff. Ich habe meine eigene Bat-Cave. Und eine Bat-Cave ist nur interessant, wenn man selbst in den Bat-Suit schlüpft. 

Aber BJM erwartete mich schon als Felicia Hardy. In hautengem, schwarzem Dress und Silberperücke und seilte sich mit ihrer Peitsche von der Decke ab. Sie vollführte dabei einen Handstandüberschlag im Hohlkreuz und landete auf allen ihren Vieren fachend. So, so, dachte ich. Sich das Beste aus den vielen Welten zusammenklauben. Kann ja jeder. Black Cat ist Marvel und nicht DC Comics. Aber so war wohl BJM. Hätte mir schon eine Warnung sein sollen, als sie einen Lamborghini neben einen Ferrari stellte. „Ich bin Felicia Hardy.“, sagte BJM unmißverständlich. „Und niemand dringt in mich ein.“

„Ich komme auch nicht zu bleiben.“, sagte ich verständlicherweise und suchte nach meiner Spucke. Schluckte sie aber in der Wahl zweier Vorgänge lieber herunter.

„Ich sah nur diese Treppe. Und ich habe schon auf die unterste Stufe gespuckt. Und es ist meine Spucke. Und dann wollte ich nicht auf die Stufe treten, auf der die Spucke war, und dann war ich schon eine Stufe höher, und dann war der Boden schon weiter weg. Und dann hätte ich von oben über die Stufe mit der Spucke springen müssen, weil ich ja nicht in die Spucke treten will, und dann war ich schon ganz oben, bevor ich es bemerkte, weil ich ja schauen mußte, ob alle ihre Tassen Kaffee richtig in der Hand halten, und dann war ich schon drin, und dann sprach schon Black Cat mit mir, und dann war es schon unhöflich, einfach wieder zu gehen, ohne Guten Tag zu sagen, und dann weiß ich auch nicht mehr, wie ich zur Treppe kommen soll, die nach draußen führt, und dann wollte ich Sie, Frau Felicia-Black-Cat-Hardy, fragen, wie ich wieder zur Treppe komme.“, sagte ich einleuchtend. Black Cat machte irgendwelche Handkantenschläge gegen die Luft vor ihr und tänzelte etwas mit Trippelschritten auf mich zu. „Hoy-ja. Hui-hui!“, sagte sie etwas auf Karatisch.

„Karatisch kann ich nicht.“, sagte ich BJM und sie wechselte im weiteren Verlauf in eine mir bekanntere Sprache: Sie machte einen Rückwärts-Flic-Flac und landete zielgenau auf ihrem weißen Vitra-Stuhl. Sie wägte ihre Peitsche in der Hand, und ich dachte, jetzt zieht sie noch ihre silbernen Fellärmelchen über ihre Handgelenke.

„Ich weiß nicht, ob sich alle Frauen so sehen.“, tolpatschte ich von einem Bein zum anderen, wollte aber auch nicht, daß sie weiter zürnte. Erinnerte mich an die Trivago-Frau, daß freundliches Blicken immer etwas bewirkte, zumindest bei all den Frauen, bei denen man eh keine Chance hatte – warum also Preise vergleichen? –, und versuchte es mit einer Stornierung der Buchung. Warum also Blicke vergleichen wie Preise vergleichen?

„Chnei-chn. Du bleibst chjetzt chierch.“, schnauchte sie. Und es wird ja nicht so schlimm kommen, dachte ich noch.

Ich schaffte es dann doch noch auf meine geliebte Treppe, die Spucke war noch nicht gänzlich vertrocknet, und ich wollte wirklich nicht wissen, wie Frauen sich im Inneren sehen. Die Zungentreppe schnalzte zurück. Der Privat-Jet-Mund schloß sich schmalzend.

„Ich will nur noch zu meiner Mammi.“, sagte ich zu den tröstenden Leibwächtern an deren Fuße, und sie brachten mich aufmunternd schulterklopfend-aufbauend in Sicherheit.

„Ich bin da einfach nur herein geraten, ins Leben.“, gaben sie meine Worte durch ihre Knopfloch-Mikrophone in die Kordeln weiter durch.


Nickend, glaube ich.





*






(Ode/r an „Warum gab es noch mal diese Menschen?“

„Ach, wie UHU-Klebefäden zwischen Daumen und Zeigefinger. Das war der Grund. Man kann nicht aufhören, mit ihnen zu spielen. Und muß jetzt warten, bis sie trocknen. Und dann abknibbeln. UHU gehört verboten. UHU ist eine Eule. Und warum sollte eine Eule kleben? Gibt es noch mehr, was ich nicht verstehe?“


„Ach, so. Deshalb gibt es Menschen.“)







Donnerstag, 25. Januar 2018

„Also, das Wesen des Menschen ist es ja, vom W zum N zu kommen. Aber dazwischen liegt ja noch das Äsen.“


Sagte er mit seiner Fistelstimme.

„Ich helfe Ihnen jetzt mal bei den Buchstaben. Zaubern kann ich nicht.“

„Nein, Dich kann ich nicht ernst nehmen.“, dachte ich noch, bevor ich brach. „So nicht. Fistel nicht. Sitz gerade. Brust raus. Augen voraus. Zappel nicht. Hier geht es um mich! Was wird aus mir! Aus meinem Leben!“

„Die FAZ lese ich nur sehr selten langweilige Zeitung“, zuppelte er an seinem Knoll-Arbeitstisch.

„Öde und verknöchert.“, fistelte er weiter und futzelte an seinem Leitz-Ordner, als wären seine Worte hochbrisant intellektuell safranskisch.

„Das letzte, was ich von ihr hörte, war, daß sie 70 Millionen Euro einsparen muß. Waren es 70 Millionen? Ich weiß es nicht mehr. Ich lese sie nicht. Und seitdem wir keinen frischen Fisch mehr holen – die Fette, sagt meine Frau – brauchen wir auch das Papier nicht mehr. Das war in den Nullern. Die FAZ ist der Boris Becker unter den noch aktiven Profi-Spielern, ha-ha, sagt meine Tochter. Man hofft, daß sie ihre Pokale wiederfinden, für ausgezeichneten Journalismus. Puncht jetzt ihr eigenes Start-Up. Die armen, qualifizierten Journalisten. Wer denkt an die? Aber deren Schreibe gehört ja zu den flotteren. Sicherlich können sie fehlerfrei Formulare ausfüllen. Formulare, Formulare, Formulare. Wo ist mein Montblanc? Und bei dem Altersschnitt können sie sicher noch in anderen Berufszweigen unterkommen. Wenn nicht, ich helfe Ihnen dabei. Die Wirtschaft boomt ja. Man sucht jetzt Überqualifizierte für unterqualifizierte Jobs. Kopf hoch. Das wird schon wieder. Bei RTL-2-News suchen sie bestimmt kompetente, energische, reife Journalisten. Sie sind doch auf der Höhe der Zeit? Bei der Presseschau im Ersten haben sie so wichtige Dinge gesagt. Der Meinungsartikel war Ihnen schon sicher. Und wie ist die Kantine so? Ja, da fängt es an. Sie merken es bei den Salatblättern. Die werden nicht mehr handgezupft. Das hätte Ihnen eine Warnung sein sollen. Aber Sie waren ja völlig ausgelastet. Unentbehrlich. Unvorbereitet. Und beinahe, nach Ihrem grandiosen, großartigen und genialischen Artikel, hätte man Sie fast zu Anne Will eingeladen. Tja, jetzt ist da nichts deraus geworden. Deraus. Ich bin so altmodisch. Sagt man noch grandios? Großartig? Genialisch? Tna. Sagen Sie das besser nicht bei Ihrem Vorstellungsgespräch bei RTL-2-News. Können sie Charts? Promi-News? Hätten Sie damals nur bei der reichen Zeit angeheuert. Auch wenn das Ihr Traumjob gewesen wäre. Aber jetzt ist das eine reine Frauenzeitschrift. Und Sie waren ja immer so kritisch gegenüber Frauen. Oder beim Springer? Da wollen sie jetzt alle hinspringen. Beim Goldenen Blatt? Näh, da sind Sie überqualifiziert. Ich soll Sie beraten. Zaubern kann ich nicht.“


Kevinus von der Kasüliusbresche, Journalist. Ich war ein Kopf, der dahintersteckte. Ich frittiere jetzt Wedges für englische Banker. Ich komme über die Runden. Glücklich. –






*





(Ode/r an „Wenn ich mir etwas wünschen könnte – als durchschnittlicher Leser, und damit bin ich schon glücklich –, wäre es, daß ein pfiffiger oder eine pfiffige Pan-Millenial mit Start-Up-Verve die ‚Quick‘ oder ‚Die neue Revue‘ wiederbeleben würde. Reimagined wie ein Singer-Porsche. So mit OLED-Papier und RFID-Chip-App-Schnickschnack. Sixty Funky Pages. Ich würd’s lesen. ‚Sixty Funky Pages‘ wäre auch ein schöner Titel für sonstwas Lebendes. Freitags. Supermarkt.

Sonstige Probleme sind nicht zu verzeichnen. ‚Sonstige Probleme sind nicht zu verzeichnen‘ wäre auch ein guter Titel für das peppige Magazin der neuen Revue

Oder für ein Tagebuch: 'Heute: Leserbrief geschrieben. Guter Tag. Als nächstes spare ich auf einen Anruf beim Presseclub. Das Leben ist schön. …wenn’s bei anderen zuneige geht. Sonstige Probleme sind nicht zu verzeichnen. Glücklich ist, wer ißt.'


Das Leben ist schön. …wenn’s bei anderen zuneige geht, wäre auch ein schöner Titel für eine Autobiographie by Bestattern. Wenn’s abgeht, kann man‘s lesen.“)