Yoshitomo Nara - "Knife Behind Back". Messer hinterm Rücken. 26 Millionen Dollar.
Hinter Gittern.
So, 16:54 Uhr, hab' die Kleine endlich hinter Gitter gebracht. Da gehört sie hin. Kein Mitleid, die Kleine ist eine Krimminelle. Hab' "Krimminelle" falsch geschrieben. Mit zwei M. Ich find's so schöner! Hahaha! Die Wärter trauen sich noch nicht, ihr das Messerchen abzunehmen, aber warte ab, kommt noch! Dann wird ihr noch das Nicht-Lächeln vergehen! Und während ich noch überlege, wie lange sie wohl sitzen müßte, packe ich die Spray-Dose mit grauer Farbe wieder ein, verstaue sie im Rucksack, gehe unaufgeregt am Wächter im nächsten Raum vorbei, der nichts bemerkt hatte, und verließ das Museum wieder so, wie ich es betreten hatte, durch den Vordereingang.
"26 Millionen Dollar", pfiff ich Luft durch die Zähne. "Für'n Arsch!"
"Sollen sie mir mal 26 Millionen zahlen. Dann kritzel' ich ihnen was auf den Arsch."
Yoshitomo Nara prangte da. Life - But Childish. Auf dem Museumsbanner.
Die Bushaltestelle war nicht weit, ich kam noch wütend an, was mich freute, da kamen zwei Pferde mit Reiterinnen die Straße lang. "Sucht euch eine Weide!", schrie ich sie an.
Schrie ich sie in Gedanken an. Braucht' keiner wissen, was ich so denke. Was ich so in mein Gehirn schreie. Während ich auf den Bus warte und Passanten checke. Schon sicher nicht auf der Straße. Wenn ich draußen bin. Wenn ich schon mal draußen bin. Sollten sich andere darüber freuen! Da brach das Pferd zusammen. Das Vordere. Die Reiterin fing den Sturz ab und landete auf verdrehten Beinen in Reiterhosen. Deshalb diese Hosen. Sie rissen auch nicht, auch nicht bei einem Sturz. Wer wollte sich schon eine Blöße geben. Beim Sterben. Beim Nichtsterben. Bei schlanken Beinen.
Ich kramte in meinem Rucksack, wühlte mein Notizbuch raus, was ich für solche Fälle dabeihatte, Spray-Dose brauche ich grad' nicht, die anderen Dinge erwähne ich nicht, und notierte mit Stift, den ich erst zum Propeller zwischen meinen Fingern machte:
Pferd gestorben. Auf der Straße. Doof, daß das Pferd dem Schlachter nicht mehr entgegenlaufen kann. Hoffentlich muß der Bus nicht warten. Punkt. Punkt unterstrichen. Ist wohl Tierwoche.
Darüber stand noch, bei einem vorherigen Eintrag:
"Die Kritiker der Elche sind selber welche." Von wem das ist, weiß ich nicht. Aber ich schreibe:
Die Elche, welche Kritiker sind, sind niemals welche. Schon gar nicht Elche.
Daher Tierwoche. Dann klappte ich das Notizbüchlein wieder zu, propellerte den Stift zwischen den Fingern, ließ ihn verschwinden, so, wie ich ihn herzauberte, aus dem Nichts, Büchlein in den Rucksack, zu, und wieder Rucksack auf den Schultern.
Der Bus kam. "Verknödelt Euch endlich!", schrie ich die aufgelösten Reiterinnen an. Die Zweite versuchte, ihr Pferd im Zaum zu halten, es stieg auf. Und ab. Und auf. Es hatte wohl einen Freund verloren. Oder ahnte ähnliches Schicksal. Was noch schlimmer war. Zu wissen, daß es treffen könnte. Lieber dann den Freund. Vermissen. Kann man immer noch.
"Verrührt Euren Quark woanders! Der Bus kommt!", schrie ich. Wieder nur ins Gehirn. Kein Laut von mir, kein Mieps. Nur sorgenvolles Gesicht als Miene, falls eine der Reiterinnen kurz in meines blicken sollte. Ich war Mitgefühl. Mein zweiter Name.
Der Bus schaffte es doch irgendwie, mich aufzulesen. Was man alles erlebt in dieser Stadt.
"Yoshitomo Nara. 26 Millionen Dollar. Für den Arsch."
Mein Ticket war noch für den ganzen Tag gültig. Freude ist nur die Abwesenheit von Glück.
Zum Glück hab' ich den Bus nicht verpaßt. Zum Glück für den Bus. Und zur Freude für mich.
Dafür die Drücker.
Den nächsten Halt wähle ich.
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